“Du wirkst abgespannt, Anita, können wir etwas für Dich tun?” Anna. Ich liess mir Risotto Milanese schöpfen und seufzte. Die Blicke der vier Hebammen ruhten auf mir. Ich fühlte mich nackter als nackt. Ich wusste ja nicht, was Anna ihnen alles über mich erzählt hatte, und möglicherweise hatten sie mich einfach aus einer seltsamen Mischung von sozialem Engagement und Neugier hergeholt.
Da hob Lea lächelnd ihre runden, festen Arme und öffnete in ihrem Nacken die Oese ihrer Smaragdkette. “Zieh die mal an, Anita”, sagte sie. “Steht Dir bestimmt wunderbar”. Ich war hypnotisiert von Leas leicht behaarten Achselhöhlen. Ich hatte es hier mit Naturfrauen zu tun. Sie sahen Rasieren nicht als Zwang, höchstens als sinnliches Intermezzo, wie der Ladyshave im Badezimmer mir verraten hatte. Ich nahm die Kette entgegen und legte sie mir um den Hals. Dann schöpfte ich mir Risotto nach und liess mir das Chiantiglas noch einmal füllen. Wir wurden lauter, fröhlicher, ausgelassener. Die Dialoge wurden direker, Anekdoten aus dem Gebärsaal wurden gegeben. Dann stand Lorena auf, kam um den Tisch herum auf mich zu und fasste mich an der Hand. “Komm.”
Irgend etwas in mir verbot mir zu fragen, wohin ich Lorena begleiten sollte. Für einen sehr kurzen Moment befürchtete ich gar, nun um Espresso, Cassata und Amaretti betrogen zu werden – als Lorena mich hinter sich her ins Badezimmer zog. Sie zeigte auf ihr Foto. “Hübsch, nicht”, lächelte sie sibyllinisch. Dann gingen wir zu meiner Ueberraschung nicht etwa in eines der Schlafgemächer, sondern in den Keller. Die eindrücklichen Gewölbe raubten mir fast den Atem. Uns wehte dieser unsäglich angenehme, kühle Kellergeruch entgegen, ein Geruch, der irgendwie hungrig und geil macht. Mich zumindest. Für Kellergeruch gebe ich fast alles. Lorenas Griff um meine Hand wurde fester. Wohin ging der Weg? In einen Sadomaso-Raum, und keiner hörte meine Schreie? Ich bin alles andere als ein SM-Girl – ich ekle mich vor Latex, Leder, Wachs und Peitschen. Aber nichts dergleichen erwartete mich. Hinter einer dicken Holztür, die Lorena nur mit beträchtlichem Kraftaufwand öffnen konnte, verbarg sich eine veritable Liebeslandschaft. Das Auffälligste waren fünf gefederte Stühle, auf deren Sitzfläche jeweils ein bunter Dildo befestigt war. Die Stühle standen im Halbkreis um einen gigantischen Flatscreen. Es war unschwer zu erraten, mit was für Filmen sich hier Frauen amüsierten, ganz zwangslos, untenrum nackt, mit einem fetten Vib in der Möse. Gott, was waren diese Hebammen versaut. Wände, Böden und Decke waren mit grauem Flor ausgelegt; und man ging wie auf Watte. Alles hier war gepolstert. Ein Bett mit blauer Steppdecke und Poster aus Mädchenzeitschriften wirkten fast ein weing rührend. Es duftete nach Sandelholz. Sanft war die Tür hinter uns ins Schloss geklackt.
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