Es gibt nicht zwei, drei, vier oder fünf Getränke. Ich halte mich nicht zurück, ich will die Drinks nicht mehr zählen können. Ich bin berauscht, der ganze Klub dreht sich um mich. Und all die interessanten Kerle ebenfalls.
In einer exzessiven Nacht verändert sich nicht nur meine Welt. Diese ist längst schemenhaft und fantastisch bunt geworden, besteht nur noch aus Spaß und Übermut. Auch ich bin in eine andere. Die Montag-bis-Freitag-Bridget gibt es nun nicht mehr.
Mit den Männern halte ich es heute Nacht wie mit den Drinks. Einer ist keinesfalls genug. Ich nehme mehrere Kerle mit auf mein Zimmer. Eine Vodka-Flasche kreist. Ich sehe und spüre erigierte Schwänze, bin total geil. Ich habe längst den Überblick verloren, lasse mich fallen, treiben und ficken.
Bist du jetzt entsetzt, geschätzte Leserin, geschätzter Leser? Schockiert, dass ich als Ehefrau und Mutter, leitende Angestellte, verantwortungsvolle Mitbürgerin und Spitzensteuersatz-Zahlende mich anziehe wie eine Pornodarstellerin, trinke bis zum Umfallen und es anal, oral und vaginal mit mehreren Männern treibe? Keine Angst, ich mache das ohnehin in einer fremden Stadt. Du wirst mich also nicht zu Gesicht bekommen, ich setzte dich dieser Irritation und der kognitiven Dissonanz nicht aus.
„Schatz, du siehst erholt aus!“, strahlt mich Nate an, als ich am Sonntagabend aus meinem Zug steige. „Mamaaaa!“, kreischt die Kleine und drückt mich, so fest es ihre kleinen Arme erlauben. Sie streckt mir einen aus einer Klopapierrolle gebastelten Nikolaus entgegen. „Papa hat nur beim Kleben geholfen!“, erklärt sie. Stolz und Freude treiben mir die Tränen in die Augen.
Es ist wieder Montag. Ich habe die Vernunft wieder aus der Schublade geholt. „Du siehst erholt aus!“, erklärt sie freundlich. Auch meiner Vernunft hat die Pause gutgetan. Sie ist gelassener und entspannter als vor dem Wochenende.
Das Frühstückmachen fällt mir leicht. Die Kindergartentasche fertig zu machen ist ein Klacks. Nates Vortrag über den neuen Drummer der Stones ist kurzweilig. Ich sehe die dankbaren Augen der alten Dame, die sich vor meinem Mini und gestützt auf einen Rollator über den Schutzweg schleppt. Die Morgensonne spiegelt sich glitzernd auf dem Asphalt. Meine Mitarbeiter tun so, als ob sie motiviert wären. Immerhin.
Ich bin brav und spiele das Spiel mit. Aber irgendwann, in ein paar Wochen, bekomme ich wieder Besuch. Dann stehen meine Triebe, Sehnsüchte und Begierden vor der Tür. Ich werde meine Sachen packen und mich auf den Weg machen in die fremde Stadt.
Heilige und Hure
32 3-6 Minuten 1 Kommentar
Heilige und Hure
Zugriffe gesamt: 6532
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.
Angenehm berührt
schreibt Thunders