Herbstliche Begegnung

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Herbstliche Begegnung

Herbstliche Begegnung

Herzog

Als er das Autoradio ausgeschaltet hatte und die Fensterscheibe in der Fahrertür ordnungsgemäß geschlossen war, spürte er sein Herz dumpf und - wie ihm schien - fast hörbar schlagen. Ein Augenblick der Beklemmung überfiel ihn. - Für einen Moment dachte er daran, den Zündschlüssel wieder herumzudrehen und all dem auszuweichen, was da so bedrohlich und verlockend zugleich auf ihn zukam. Aber wie sollte er jemals wissen, was ihm entging, wenn er sich jetzt aus dem Staub machte? Und schließlich: Er hatte ihr sein Wort gegeben...
Der große schwarze Wagen hielt fast geräuschlos auf der anderen Seite des Parkplatzes, und W. wusste sofort: Sie war angekommen. Er schloss das Auto ab, schlenderte hinüber, und dann sah er sie: Ein heller Kamelhaarmantel, fast bis auf den Boden, darunter ein Paar brauner Handschuhe und passende Lederstiefel mit bemerkenswert hohem Absatz.. Darüber eine dunkle Kurzhaarfrisur. Er registrierte ein altersloses, eher schmal geschnittenes Gesicht und eine undurchdringliche, riesengroße Sonnenbrille.
Ohne ein Wort zu sagen, reichte sie ihm die Hand, und einer plötzlichen Eingebung folgend, bedankte er sich für ihr Kommen.
Wir werden ein Stück spazierengehen, sagte sie mit einer etwas metallisch klingenden Altstimme, und vielleicht darfst du mich dann in dem Ausflugslokal dort drüben zu einem Tee einladen.
Sie gingen den Weg am Kanal entlang, den er schon so oft allein gegangen war, nachdem B. ihn verlassen hatte. Die Unbekannte ging einen halben Schritt vor ihm her, und er betrachtete sie unauffällig von der Seite.
Ich liebe es nicht, von dir so begutachtet zu werden, wies sie ihn zurecht.
Das ist etwas, was dir nicht zukommt, verstehst du mich?
Er entschuldigte sich und senkte den Blick zu Boden.
Überhaupt scheinst du noch vieles lernen zu müssen. Vorhin zum Beispiel. Weißt du denn nicht, dass es sich gehört, einer Herrin die Hand zu küssen, die sie dir zur Begrüßung reicht?
Er bat erneut um Verzeihung und spürte, wie ihm ein seltsamer Schauer über den Rücken fuhr.
Wie alt bist du? fragte sie nach einer Weile, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Er sagte es ihr.
Was, schon sechsunddreißig? Das ist reichlich spät, um noch mit der Erziehung zu beginnen.
Hast du denn noch nie zuvor einer Herrin gedient?
Er zögerte einen Moment. Da hatte es natürlich diese Spiele mit B. gegeben, und manchmal hatte er sich schon gefragt, ob das wirklich nur Spiele waren... - Aber andererseits - so wie von dieser Frau war er noch von keiner zuvor behandelt worden.
Nein, ich habe auf diesem Gebiet keine Erfahrungen, aber weißt du, ich...
Weiter kam er nicht. - Sie wirbelte herum und schlug ihm ohne zu zögern mit dem Handrücken ins Gesicht. Der Schlag wurde zwar durch das weiche Leder ihres Handschuhs gemildert, aber für einen Augenblick tat es trotzdem höllisch weh.
Wer hat dir erlaubt, mich zu duzen, du elender Wurm? Weißt du denn wirklicht nicht, wie du dich einer Dame gegenüber zu benehmen hast?
Er stammelte irgend etwas Entschuldigendes und küsste instinktiv die ihm hingehaltene Schlaghand. Dann bemerkte er die beiden Rentnerpaare, die ihnen auf dem Weg entgegenkamen und vor Staunen und Entrüstung Mund und Nase aufsperrten. Aber es war ihm egal, was sie dachten. Er hatte soeben eine Linie überschritten, hinter der er keine Verantwortung mehr trug für das, was mit ihm geschah.
Die Sonne drang durch die schon gelichteten Kronen der Bäume am Ufer und warf bizarre Kringel auf den Weg. Es war ein Frühherbsttag, wie er schöner nicht gedacht werden konnte. Ein Schwarm junger Stare stieg zwitschernd auf, verdunkelte fast den Himmel für einen Augenblick und startete dann in chaotischer Ordnung einen Übungsflug für die kommende Reise in den Süden.
Und außerdem, so wie du gebaut bist, weißt du überhaupt, was es heißt, sich unter meine Herrschaft zu begeben?
Er schwieg und dachte an den Prügelbock, den er unter B.s Anleitung hatte bauen müssen und der jetzt nutzlos in der Bodenkammer stand...
Das bedeutet zum Beispiel, dass du innerhalb von zwei Stunden bei mir zu sein hast, wenn ich Dich brauche. - Und das nicht nur, wenn ich Lust auf Sex habe, sondern schon dann, wenn du für mich einkaufen gehen sollst, meine Wohnung reinigen oder meine Schuhe putzen. Wenn ich dich rufe, wirst du nie wissen, was dich erwartet. Vielleicht will ich ja auch nur eine kleine neue Gemeinheit an dir ausprobieren, die ich irgendwo in einem dieser SM-Magazine gelesen habe. Oder ich habe einfach Lust darauf, mir von Dir etwas Entsprechendes vorlesen zu lassen. Vielleicht sollst du aber auch meinen Freundinnen vorgeführt werden, oder du sollst meinen Hund ausführen oder...
Sie machte eine Pause und sah ihn aufmerksam an.
Ich werde tun, was Sie befehlen, flüsterte er.
Die Zwei-Stunden-Frist ist ganz gewiss kein Problem.
Er wusste, dass er in seinem Verlag nicht unersetzlich war, ob er nun einen Kundenbesuch machte oder etwas Privates erledigte - niemand würde ihn, den Chef, je danach fragen. Und über das Handy war er sowieso immer zu erreichen.
Sie hatten inzwischen den Kanal an der alten Fußgängerbrücke überquert und wanderten auf dem gegenüberliegenden Ufer zurück. Ihr Schritt hatte sich etwas verlangsamt und sie erlaubte ihm, mit ihr auf gleicher Höhe zu gehen. Ansehen durfte er sie allerdings immer noch nicht.
Er sprach zu ihr von seiner Sehnsucht, einer Frau ganz anzugehören, sich ganz und gar aufzugeben in dem Dienst an ihrer Schönheit, ihrer selbstverständlichen Überlegenheit, ihrer Willensstärke, ihrer kreatürlichen Kraft. Er sprach von seiner Mutter, die wohl solch eine Frau gewesen war - sehr mütterlich, sehr liebevoll und sehr unerbittlich, wenn sie es für nötig hielt. - Und er sprach zu ihr von B., der Rechtsanwältin, deren Lieblingsfantasie es gewesen war, ungekrönte Alleinherrscherin in einem Männerknast zu sein: schwarzes Leder-Outfit, Bullenlederpeitsche, eine Schar von ergebenen Wärterinnen in entsprechenden Uniformen, immer darauf bedacht, die Männer klein zu halten, sie zu willenlosen Werkzeugen ihrer Lust abzurichten, wilde und verwegene Spielchen mit ihnen zu treiben. - Warum B. ihn verlassen hatte? Nun, eines Tages war da diese große blonde Frau in ihrer Kanzlei erschienen, und die habe so eine Art gehabt, B. anzusehen, dass es ihr durch und durch gegangen war, und nun lebte sie mit dieser Frau zusammen in einer schönen alten Stadtrandvilla, war ihr Kammerkätzchen, ihr willenloses Spielzeug, und ließ sich wohl auch züchtigen von ihr - nichts war geblieben von diesen Träumen vom Männerknast und von lustvollen Spielen im Gefängniskeller...
Natürlich sprach er zu ihr auch von seiner Arbeit. - Da war das offizielle Programm, Kunstbücher und Bildbände über Architektur, einige Zeitschriften, deren Qualität dafür gesorgt hatte, dass sein Name bei Kennern einen mehr als nur guten Ruf genoss. Und da war dieses geheimnisvolle zweite Label, die Sachen, die er in einer Druckerei weit außerhalb der Stadt unter einem Pseudonym herstellen und über einen holländischen Anbieter vertreiben ließ: pornographische Märchenbücher für Erwachsene gewissermaßen, oft sehr sorgfältig editiert und mit Fotos und Zeichnungen ausgestattet, die in der Szene ihresgleichen suchten. Er wusste auch nicht, warum er dieses zweite Standbein brauchte, warum er soviel Freude dabei empfand, viele der Texte sogar selbst zu schreiben. Aber da gab es diese geheime Sehnsucht in ihm, und sie müsse das doch verstehen....
Die schöne Fremde schwieg zu all dem, doch als sie den Kanal erneut überquert hatten und wieder auf dem Parkplatz standen, erlaubte sie ihm, einen Karton mit "Märchenbüchern" aus seinem Wagen zu holen und in dem Kofferraum der schwarzen Limousine zu verstauen. Dies schien ihm ein gutes Zeichen zu sein, vielleicht dass sie ihn ja doch erwählte, trotz seiner Ungeschicklichkeiten und seinem Mangel an Erfahrung.
Später erst, beim Tee in dem kleinen Gartenlokal, wagte er es dann, eine erste Gunst von ihr zu erbitten. Es war mühsam und schwierig gewesen, den Blick die ganze Zeit zu Boden und von ihr fort gerichtet zu halten, während er ihr aus seinem Leben berichtete, und tatsächlich erlaubte sie ihm, ihr von jetzt an ins Gesicht zu sehen. Schließlich nahm sie sogar die Sonnenbrille ab. Was ihn erschreckte, war die Kälte in ihrem Blick: Ihre Augen, graugrün und sorgfältig geschminkt, schienen durch ihn hindurchzusehen.
Ich habe dir mit großer Geduld zugehört und ich habe sogar deine Bücher angenommen, aber glaube nicht, dass du dir darauf irgendwas einbilden darfst. Du bist wirklich nicht der Einzige, der sich auf meine Annonce hin beworben hat.
Sie nippte an ihrer Teetasse und blickte nachdenklich hinaus in den herbstlichen Wald.
Vor allen Dingen bin ich noch gar nicht sicher, dass du die Belastungen aushalten wirst. - In den letzten fünfzehn Jahren habe ich immer einen oder auch mehrere Sklaven gleichzeitig gehalten, einige nur für ein paar Wochen, andere für länger. Dein Vorgänger zum Beispiel musste gehen, weil er ungehorsam war und sich während meiner Urlaubsreise nicht wie befohlen bei meiner Freundin einfand, wo er seine wöchentliche Züchtigung abholen sollte. Er blieb einfach weg. Sagte zur Entschuldigung, er sei nur auf mich fixiert. Ich habe ihm dann sehr schnell gezeigt, dass diese Fixierung absolut einseitig war...
Wieder nahm sie einen Schluck aus ihrer Tasse.
Außerdem ist das alles vielleicht nicht ganz so einfach, wie du es Dir denkst. Ich bin absolut unberechenbar. Einmal habe ich einen Sklaven in einem Wald gar nicht weit von hier zwei Tage und eine Nacht lang nackt an einen Baum gebunden, weil er meine Höschen nicht ordentlich gebügelt hatte.
Sie lächelte versonnen.
Hinterher sah er gar nicht so gut aus, aber ich brauchte mich nie wieder über ihn zu beklagen. Er war so dankbar, als ich ihn abholte und wieder bei mir aufnahm...
Sie befahl ihm, ihren Mantel zu holen.
Wie gesagt, ich verspreche Dir nichts. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Wenn du Glück hast, darfst du bei mir anfangen. In dem Fall rufe ich Dich an. Aber hoffe nicht zu sehr darauf.
Damit wandte sie sich zur Tür und schritt grußlos hinaus.
Einen Augenblick saß er noch wie erstarrt.
Dann rief er den Ober, zahlte und die Dämmerung nahm ihn auf.

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