Höhenluft

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Höhenluft

Höhenluft

Chloé d'Aubigné

Die Luft roch nun nach uns beiden, nach Wärme und Staub, nach einem Hauch Salz und etwas Weihrauch, der sich nicht ganz hatte vertreiben lassen. Durch das Fenster fiel Licht auf unsere Haut, zeichnete helle Streifen über Rücken, Arme, Hüften, als würde jemand von außen bestätigen, dass es uns wirklich gegeben hatte, hier, in dieser Kapelle.
Wir schwiegen weiter. Unsere Körper hatten genug gesagt. Wir zogen uns an, langsam, ohne hastig zu werden, tranken Wasser, sahen den anderen an. Zu lange, aber doch gerade richtig. Als wollten wir uns alles ganz genau einprägen.
Als wir hinausgingen, strahlte die Natur schon in den Farben des Nachmittags. Das Licht war voller, die Schatten weicher, als hätte die Welt selbst ein wenig nachgegeben. Er fragte nach meiner Nummer; ich schrieb sie ihm auf einen Zettel. Meine Finger zitterten leicht. „Vielleicht wieder hier oben“, sagte ich. Eine Frage wäre fehl am Platz gewesen.
Er nickte, steckte den Zettel ein, und wir gingen in verschiedene Richtungen. Doch der Himmel über uns war derselbe.
Ein paar Tage später saß ich wieder im Café. Gleiches Café, gleicher Platz, gleiche Anna mir gegenüber. Diesmal jedoch trug sie eine Sonnenbrille und wirkte etwas unruhiger. Wahrscheinlich, weil sie noch keinen Cappuccino vor sich stehen hatte, auf den sie sich fokussieren konnte. Daher gestikulierte sie wild nach dem Kellner, um diesen Umstand zu ändern.
Als ihr Cappuccino dann endlich vor ihr stand, brach es aus ihr heraus. „Der Typ war Programmierer. Nett erst, dann seltsam. Hat beim Essen über seine Ex geredet. Dann über seine Mutter. Und mir dann erklärt, wie Frauen eigentlich wären, gäbe es nicht so viel Irrglauben in dieser Welt.“ Sie seufzte, steckte den Löffel in den Mund. „Ich bin durch mit Männern. Komplett.“
Ich lächelte und schwieg. Genoss den herben Geruch meines Espressos, der vor mir stand, und spürte für einen Moment einen ganz anderen Duft in mir nachschwingen – kalter Stein, warme Haut, dünne Luft.
„Sag mal ehrlich“, fuhr sie fort, „bist du ernsthaft glücklich ohne Liebe? Oder bist du einfach besser im Lügen?“
Ich drehte die Tasse in den Händen. „Wenn ich es herausgefunden habe, sage ich es dir. Versprochen.“
„Wie meinst du das?“
„Momentan liegt die Wahrheit noch irgendwo dazwischen. Aber ich hoffe, ich werde bald wissen, wie sie wirklich aussieht.“
„Du bist hoffnungslos.“
„Vielleicht auch hoffnungsvoller“, entgegnete ich mit einem leisen Lächeln.
Sie musterte mich, suchte nach Ironie, fand keine. Dann legte sie die Rechnung auf den Tisch. „Ich gönn’s dir. Aber ich weiß nicht, wie du das aushältst – kein Ausgehen, keine Dates.“
Ich hob die Schultern. „Ich bin ziemlich selten wirklich allein.“
Das Handy vibrierte in meiner Tasche. Eine Nachricht. Ich öffnete sie unauffällig – Dieses Wochenende wieder? Welcher Pass? – kein Name nötig.
Ich legte das Gerät beiseite, ließ die Worte in mir nachhallen.
„Was ist?“, fragte Anna.
„Nichts. Ich denk nur, dass das Wochenende schön wird.“
„Schon wieder Wandern?“
„Natürlich. Und diesmal bleib ich vielleicht länger auf dem Gipfel.“
Sie verdrehte die Augen, lachte Ich bezahlte und stand auf. Der Sommer kam. Ich spürte ihn über meine Arme streichen, mich umarmen. Und versprach mir selbst, jede Facette, die er mir bieten würde, in vollen Zügen zu genießen.

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