Höhenluft

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Höhenluft

Höhenluft

Chloé d'Aubigné

Der Morgen war klar. Kein Wind, nichts als das Klacken meiner Stöcke auf dem Stein. Ich war früh los, gegen sieben, als der Himmel noch gräulich war und die Sonne erst ganz schüchtern ein paar Strahlen in die Welt schickte. Die ersten Kilometer waren unspektakulär, Routine. Doch schon bald kam ich zu meinem Lieblingsplatz am See. Dort roch alles nach feuchter Erde, Grün und Morgen. Die Luft schmiegte sich kühl an meine Wangen, und in meinen Fingern steckte noch die Wärme der Tasse vom Frühstück. In dieser Umgebung trank ich den Kaffee, den ich mir in der Thermoskanne mitgenommen hatte, und genoss dieses schlanke, klare Gefühl von Freiheit, das sich in meinem Brustkorb ausbreitete.
Natürlich hatte ich damals noch nicht wissen können, wie sich dieser Tag entwickeln würde. Aber wie immer, wenn ich losging, war da dieses kleine, heimliche Hoffen auf einen Zufall, eine Möglichkeit, aus diesem Tag noch mehr zu machen, als er ohnehin schon war – mehr als nur Höhenmeter, mehr als nur Schritte.
Nach dieser kurzen Pause ging ich weiter. Die Bewegung tat gut. Ich spürte meine Beine, meinen Atem, das Dehnen der Muskeln, wenn der Weg anstieg, die frische Luft in meinen Lungen. Mit jedem Schritt ließ ich den Alltag mehr und mehr hinter mir, und schon bald gab es nur noch mich in diesem simplen Zustand des Seins. Ich existierte. Ohne Spiegel. Ohne Bildschirm. Einfach nur ich. Ein Körper, auf den ich mich verlassen konnte, und ein Pfad, den ich eingeschlagen hatte und dem ich folgen würde.
Der Weg zum Pass zog sich in Serpentinen nach oben, zuletzt durch helle Wiesen. Ich liebe diesen Moment, wenn der Wald endet und der Blick frei wird. Oben steht das kleine Gebäude, eine Kapelle. Ihre Mauer bröckelt schon ein wenig ab, an ihr wächst Moos. Dennoch wirkt sie nicht verfallen, eher so, als hätte sie ihren Platz in dieser unwirtlichen Umgebung gefunden.

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