Ich setzte mich auf die Mauer, die sie umzäunte, ließ die Füße in die Luft baumeln, trank den Rest meines Kaffees, der immerhin noch lauwarm war. Und atmete. Nahm die Wärme der Sonne, die nun schon deutlich höher stand, über meine Haut auf. Spürte, wie Stoff sich ganz leicht auf meiner Schulter erwärmte, wie ein sanfter Druck von außen nach innen. Sah das Blau des Himmels und die Wolken, die sich in diesem Moment auf ihm befanden. Ja, ich dachte an nichts – bis ich Schritte hörte.
Zuerst nur fern, dann deutlicher, ein gleichmäßiger Rhythmus, der mich ein wenig an meinen eigenen erinnerte.
Er tauchte auf dem Pfad auf: Kappe, Rucksack, entspanntes Lächeln, wache Augen. Ein Wanderer, allein. Vielleicht zehn Jahre älter und mit einer Ausstrahlung, die ganz klar machte, dass die Berge seine wahre Heimat waren. Aber nicht verschroben, sondern einfach nur bodenständig. Seine Bewegungen hatten etwas Flüssiges, Selbstverständliches, als wüsste sein Körper genau, wohin er gehörte. Er erblickte mich, nickte, blieb stehen, und ich hörte mich sagen: „Schön hier oben.“
„Ja.“ Seine Stimme war dunkel, freundlich. „Und leer.“
„Noch leerer wär’s ohne uns.“
Er lachte kurz. Und weil dieses Lachen echt klang, rutschte ich ein Stück zur Seite. „Willst du dich setzen?“ Hier oben gab es nur das Du. Alles andere hätte nicht in diese Welt gepasst.
So setzte er sich neben mich. Wir redeten über den Weg, über die letzten kleinen Schneefelder, die es im Wald noch gegeben hatte, und die Schönheit von all dem hier. Dann redeten wir über nichts – und dieses Schweigen war angenehm, fühlte sich beruhigend an. Fast intim.
Nach einer Weile griff er nach seinem Rucksack, öffnete ihn und holte eine Glasdose heraus. Er löste den Deckel, und der charakteristische Duft von Käse aus den Alpen entwich, kräftig, voll, körperlich.
Höhenluft
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