Höhenluft

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Höhenluft

Höhenluft

Chloé d'Aubigné

Wir saßen draußen am See. Es war einer dieser Frühlingsnachmittage, an denen der Sommer schon so greifbar schien: Die Luft mild, aber geladen, als würde sie jeden Moment kippen in etwas Wärmeres, Körperlicheres. Das Licht tanzte spielerisch auf dem Wasser, Möwen kreisten neugierig über der Oberfläche, und Anna, die mir gegenübersaß, rührte in ihrem Cappuccino mit einer Konzentration, als gäbe es nichts Essenzielleres, als den Zucker möglichst gleichmäßig zu verteilen und so das perfekte Getränk zu kreieren.
„Ich schwör dir, sie sind alle gleich“, sagte sie, ohne mit dem Rühren aufzuhören und ohne aufzublicken. „Gestern habe ich ihnen wieder eine Chance gegeben. Und was habe ich erwischt? Es kam einer, der nach jedem Satz «ehrlich gesagt» sagte – und der einzige Moment, in dem er’s wirklich ehrlich meinte, war wohl, als er fragte, ob ich die Rechnung übernehmen könnte, weil er sein Geld gerade für sein Start-up brauche.“
Ich lächelte. „Vielleicht war er wenigstens hübsch? Oder irgendwie attraktiv?“
„Hübsch? Oberflächlich sicher. Aber hübsch? Das wäre er nur gerne gewesen – und das hätte man ihm sicher auch ständig sagen müssen. Aber mehr nicht.“ Sie seufzte, ihr Löffel klirrte leise an der Tasse. „Weißt du, ich beneide dich. Du wirkst so glücklich, bist nie auf der Suche.“
Ich nahm einen Schluck von meinem Espresso, spürte die feine Bitterkeit auf der Zunge. „Sagen wir: Ich such woanders.“
„Woanders als in dieser Stadt? Oder auf diesem Planeten?“ Sie musterte mich. „Nein, lass mich raten. Du suchst dein Glück nicht in der Männerwelt, sondern in der Natur. In den Bergen auf deinen einsamen Wandertouren?“
„Natürlich“, sagte ich. „Da oben ist die Welt einfacher.“
„Einfacher?“ Sie grinste schief. „Ich weiß ja nicht, was du da machst, aber manchmal frage ich mich, ob es überhaupt etwas mit Wandern zu tun hat.

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