Zum Liebestanz mit der Boa hatte er sie erst zwingen müssen; dann hatte sie angefangen, Reptilien zu lieben und diese Liebe immer wieder in der Kellerbar des Hotels voyeuristischen Touristen für viel Geld zur Schau gestellt. Wenger selbst hatte sich jeweils kaum beherrschen können, wenn „seine“ Sonja auf der eigens hergerichteten Drehbühne erschien, nur mit einem Gürtel aus Perlen bekleidet, und Lea, die Boa Constrictor, an sich arbeiten liess. Nochmals zogen die Details an ihm vorbei – und die leise geflüsterten obszönen Bemerkungen der reichen Klientel. Sonja war zum willenlosen Spielball in seinen Händen geworden – und keine noch so abgründige Perversion war ihr fremd. Kalt wie eine Schlange liess sie es zu, dass minderjährige Mädchen ins Hotel gebracht wurden. Unberechenbar wie eine Schlange führte Sonja das Doppelleben zwischen blond-naiver Frau, als die sie auch Evelyne allmählich in die Pornoszene mit hineinzog – und geldgierigem Vamp, als den sie sich von lüsternen Männern fotografieren, vögeln und sonstwie behandeln liess. Sonja war selbst zur Schlange geworden – nicht nur mit ihrem wendigen Körper, sondern auch in ihrem berechnenden Geist.
Dann traktierte die Boa Constrictor Stefan Wengers vierten Halswirbel und brach ihm das Genick. Spiez, aber auch das benachbarte Interlaken und im Grunde das gesamte Berner Oberland hatten seinen wichtigsten Pornostrategen verloren.
Sonja hatte sich in der Dusche inzwischen unter Evelynes Liebkosungen erholt. Diese hatte sich ganz ausgezogen und gab sich den tastenden Fingern ihrer Freundin hin. „Mach mit mir, was Du willst“, flüsterte sie und fühlte Sonjas Finger tief in sich. Der wärmende Duschstrahl tat beiden gut, und sie begannen, sich gegenseitig sanft zu massieren, Busen an Busen, Hüfte an Hüfte, Knie an Knie. „Bald hab ich Dich so weit, Du Nutte“, dachte Sonja bei sich. Sie wirkte warm, erregt, aber ihr Herz blieb kalt. Sonja hatte in ihrem jungen Leben schlichtweg zu viel erlebt.
Es ist schwer zu sagen, wie lange die beiden so verweilten. Aufgeschreckt wurden sie durch ein lärmendes Geräusch im Korridor – das Geräusch einer grösseren Menschenansammlung. Dann war da diese sonore Stimme: „Raus hier, Mädchen, ich weiss, dass Ihr da drin seid.“ Da waren überall Medienleute, Polizisten, Hotelpersonal, Kameras. Irgendwann würden sich die Linsen dieser Kameras an Evelynes Brüsten festsaugen – und dem hintersten Bergdorf im Berner Oberland würde mitgeteilt werden, welch ein Luder sie doch war. Sie trieb es lesbisch in der Dusche. Sie hatte eine Würgeschlange auf ihren Chef angesetzt. Sie hatte in der Küche unschuldiges Personal verführt. Und sie hatte Sonja, wie diese den Presseleuten bereitwillig erklärte, dazu gezwungen, mit ihr zu duschen.
Bei den beiden Pflichtverteidigerinnen stiessen aber sowohl Evelyne als auch Sonja auf Sympathie. Es handelte sich schliesslich um Frauen, und bei Frauen gelten auch bei sexuellen Aberrationen mildernde Umstände. Beide wurden sie auf Bewährung auf freien Fuss gesetzt, sind sich aber nie wieder begegnet. Sonja soll nach Kolumbien ausgewandert sein. Evelyne ist heute eine erfolgreiche Hoteldirektorin – im Berner Oberland.
Hotel Agnesa
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