Hüftlang

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Hüftlang

Hüftlang

Anita Isiris

Die Gletscher waren so gut wie weg, Kalifornien ertrank in den Fluten, Florida trocknete aus und war derart von Heuschrecken gesegnet, dass den Einwohnern nichts anderes übrigblieb, als sie zu Mehl zu verarbeiten und dann Heuschreckenbrot zu backen.

Insekten. Wöge man alle Insekten dieser Welt, sie hätten etwa das siebzigfache Gewicht der gesamten Menschenmasse. Menschenmasse. Nein, eigentlich liebe ich Menschen, sogar sehr, insbesondere Frauen und ihre Babies. Aber in der Gesamtheit, so denke ich mir manchmal, handelt es sich beim Homo Sapiens um nichts als um einen widerlichen, schlingenden Koloss. Insbesondere, wenn er in einem Neopren-Anzug steckt.

Dann stand er vor mir. Ein Mann. Mit seinem dunkel gewellten Haar wirkte er attraktiv – was aber durch sein Stottern, es sei ehrlicherweise gesagt, ein wenig gemindert wurde. „Da...da... darf ich Dich etwas fragen?“ Ich war derart verdutzt, zwischen zwei Kühltruhen neben einem Käseregal  von einem jungen Mann angesprochen zu werden, dass ich nicht sofort antwortete. „Da... da... dieses Haar... ist es echt?“ Er interessierte sich für mein Haar, und seine Augen leuchteten. Intuitiv betastete ich meinen Dutt – im Wissen, dass ich ihn besonders sorgfältig hochgesteckt hatte. Ich war beruhigt, als ich feststellte, dass alles noch an Ort und Stelle war.

„W... wie lang ist Dein Haar, wenn Du Deinen Dutt löst?“, fragte mich der junge Mann atemlos, mit geweiteten Augen. Die Frage überraschte mich derart, dass ich nicht anders konnte als ihm zu antworten. „Hüftlang sind sie“, sagte ich und konnte ein verlegenes Lachen nicht vermeiden. Mitten im Lokalkolorit einer menschlichen Futterkrippe, wie ich solche Geschäfte immer wieder spasseshalber bezeichne, in einer neonbeleuchteten menschlichen Futterkrippe, zwischen zwei Kühltruhen, fragt mich doch tatsächlich ein Vertreter der männlichen Spezies nach meiner Haarlänge.

„Hü...

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