Hüftlang

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Hüftlang

Hüftlang

Anita Isiris

Eine Frau, die ihren Dutt öffnet und ihr Haar wallen lässt, ist ein wahrlich atavistisches Vergnügen, eines, das wohl wirklich allen Männern unter die Haut geht. Das war mir bis zu diesem Moment nicht bewusst. Klar – ich hatte einen möglicherweise kranken Haarfetischisten vor mir. Aber was heisst da krank? Andere erfreuen sich an weiblichen Handgelenken oder an den feinen blauen Venen, die sich auf stillenden Brüsten abzeichnen. Sah ich das zu eng? Dennoch entschied ich mich für ein deutliches „nein“, dass mir wie eine Erleichterung vom Herzen fiel. Mit Blicken suchte ich nach meiner Freundin. Ich wollte nur eines: Weg von hier. Der Mann und ich hatten uns nichts mehr zu sagen, der Zauber war weg – zumindest bei mir. Er war, wie bereits gesagt, gutaussehend – und sein kleiner Wunsch war alles andere als bedrohlich. Dennoch sehnte ich mich zurück in die Normalität, so, als würde ich gerade eine geschlossene psychiatrische Abteilung verlassen.

Ich nickte ihm kurz zu, wandte mich um und schritt entschlossen in Richtung der Weinabteilung. Natürlich spürte ich seine Blicke auf meinem Hintern, aber ich ignorierte das mit einem leichten Schaudern. Was für einen Traum würde ich ihm wohl in der kommenden Nacht bescheren, wenn er, möglicherweise allein in einer kleinen Hütte am Strand, den Schlaf suchte und nicht fand? Hatte ich ihm Unrecht getan? Er wollte doch nur... mein Haar, mein Haar, das alle meine Freundinnen und Freunde attraktiv finden und als eines meiner Markenzeichen anerkennen.

Endlich fand ich Luise, die einen erklecklichen Betrag für Spirituosen von ihrer Visakarte abbuchte – aber warum nicht? Es war Ferienzeit, und ich freute mich auf mehrere Apérol-Spritz-Abende mit ihr. Draussen vor dem Store wandte ich mich nochmals um, aber da war niemand. In der Strandkneipe neben unserem Bungalow bestellten wir uns beide einen Mojito, und ich konnte es kaum erwarten, Luise von meinem unglaublichen Abenteuer zu erzählen.

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