Noch während des Erzählens gluckste ich, Luise auch, dann wanden wir uns beide in einem Lachkrampf. „Ach... Jana...“, keuchte sie. „Warum hast Du Dich nicht gleich vor ihm ausgezogen, zwischen den Kühltruhen mit dem Aktionslachs, direkt neben dem Käseregal, damit er von Deinen wundervollen Hüften auch noch was mitbekommen hätte? So eine Art hair-down-show wie auf Tiktok?
„Hair-down-was?“ Ich blickte meine Freundin verständnislos an, und da zückte sie schon ihr Smartphone. In der Tat... unter dem Stichwort „let-your-hair-down-3-2-1“ konnte man sich durch Dutzende von Frauen scrollen, meistens von hinten zu sehen, und alle nestelten an ihrem Haar, um es sich über Schultern, Rücken und Hintern fallen zu lassen. 3-2-1. Der Count Down, möglicherweise um ein Vielfaches anregender als der Count Down einer Mondrakete auf Cape Canaveral. „Die Männer haben ja nicht mehr viel“, sinnierte ich. Von #metoo vorverurteilt, unter der Inflation leidend, sich mit abnehmender Spermienqualität auseinandersetzen müssend, und waren sie einmal ü50, sahen die Frauen durch sie hindurch, und zwar alle, auch diejenigen, die 10 Jahre älter waren. Verliebte man sich als ü50-Mann in eine ü40-Frau, galt man als pädophil.
Also warum sollten sich Männer nicht... in die Bettdecke kuscheln, mutterseelenallein, klar, und ein bisschen let-your-hair-down-tik-tok-scrollen? Letztes echtes Abenteuer der abend- aber natürlich auch der morgenländischen, bis anhin patriarchal geprägten Kultur? War wallendes, um die Hüften fliessendes Frauenhaar das Aufbruchssignal in eine neue, bessere Welt?
Es folgte eine neue Lachsalve, und endlich, nach Bruschetti und einem kräftigen Glas Brunello, begaben sich die beiden Frauen in ihren Bungalow.
Jana duschte ausgiebig, so, als müsste sie sich etwas vom Körper spülen. Irgendwie schauderte sie wegen dieses Stotterers halt doch. Die Situation war nun mal bizarr. Bei den Kühltruhen mit den Lachs-Aktionen, neben dem Käseregal. Let your hair down.
Am nächsten Abend betraten die beiden Frauen, nach einem Nachmittag im Städtchen, erneut ihre Wohnung. Jana öffnete vor dem Wandspiegel ihren Dutt und liess ihr Haar fallen.
Den Schatten vor dem Fenster erblickte sie im letzten Moment. Er war verschwunden, bevor sie sich über die Brüstung lehnen und nachschauen konnte.
Hüftlang
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Hüftlang
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