Wir betraten den Vorraum der Bank, eine riesige Kühlkammer, düster und menschenleer. Du wolltest mir heute Nacht mein Geld zurückgeben und hattest mich bereits eine Stunde warten lassen, ich kochte. Die Überweisungsformulare fehlten - sofort erkannte ich den Grund für deine Verspätung: Du warst vorher schon hier gewesen und hattest die Formulare einfach weggeschmissen. Ich explodierte und brüllte dich an: "Gib mir endlich die Kohle, wenn nicht als Überweisung, dann eben bar." Du debattiertest, hieltst mich hin - und stecktest endlich deine EC-Karte in den Geldautomaten. Und dann konntest du dich angeblich nicht mehr an die Geheimzahl erinnern. Ich sollte morgen wiederkommen, vielleicht wüsstest du dann den Code wieder, verhöhntest du mich schnippisch. In diesem Moment brannte meine Sicherung durch: In einem großen Satz auf dich zugestürmt schleuderte ich dich zu Boden. Ich trat dir die Vorderkappe meines Stiefels in dein Gesicht, besinnungslos vor Wut, mit voller Wucht, mindestens zehn Mal. Keuchend hielt ich inne, kämmte mir ein schweißnasses Haarbüschel aus meiner Stirn und blickte erschrocken auf das satte Rot, das aus deinem Gesicht quoll. Dein Kopf bewegte sich unmerklich und deutete nun in eine bestimmte Richtung. Ihr folgend entdeckte ich eine surrende Überwachungskamera, sie hatte alles aufgezeichnet. Dein matschiger Mund verzog sich zur Fratze; es war ein Ausdruck von Schmerz - und Triumph! Ich war in deine Falle getappt, ich selbst hatte deine Rache besiegelt.
Man hat mich verurteilt: schwere Körperverletzung, 8.000 D-Mark Schmerzensgeld und sechs Monate Gefängnis auf Bewährung. Meine neue Freundin hat sich von mir getrennt. Ich habe viel verloren, vor allem meine Unschuld; nie zuvor in meinem Leben hatte ich einem Menschen wirkliche Gewalt angetan. Du, Christina Sanchez Domingo, holtest aus mir das Schlechteste hervor - ich lernte meine dunkle Seite zum ersten Mal kennen. Ich will und werde dich nie wiedersehen. Über ein Jahr war ich mit dir zusammen und ich weiß über dein Leben nicht mehr als am aller ersten Tag. Deine Wahrheit kann ich lediglich vermuten: Ich glaube, dass du tatsächlich aus einem reichen Elternhaus stammst und schon früh an Besitz gewöhnt wurdest. Ich war dein Besitz und meine unbedarfte Reinheit machte mich für dich umso wertvoller; deinen Besitz zu verlieren, konntest du nicht akzeptieren. Doch du musst viel mehr sein, als nur ein verwöhntes Mädchen. Deine Waffen - die Intrige, das Lügen, der Diebstahl - bedienst du mit der Meisterschaft einer langjährig Übenden. Welches Unrecht in deiner Vergangenheit verführte dich, dir dieses Instrumentarium anzueignen? Welches dunkle Geheimnis hütet deine Seele? Wer bist du?
Ich und Du
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