Die Illusion

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Die Illusion

Die Illusion

Yupag Chinasky

Er stand da, schwankte, hielt sich am Tisch fest, kramte in seinem Portemonnaie, suchte Geld, fand keins. Er musste den Tisch los lassen, um intensiver zu suchen. Sie trat dicht an ihn heran, legte ihre Hand auf seinen Arm, hielt ihn fest, als er zu schwanken anfing. Endlich fand er das Geld und gab ihr einen Schein. Warte, sagte sie, ich hole das Wechselgeld. Nein, ich komme mit, dann geht es schneller, ich muss gehen, bin in Eile, Eiiile. Er hielt sich an ihr fest und sie zog ihn mit in den Schankraum. Dann hörte er das zweite Tuten, zwar gedämpft durch die Wände, doch schien es ihm ungeduldiger, drängender und es wurde mehrfach wiederholt. Es klang so fern. Das gilt doch gar nicht mir. Ich bin doch hier. Was, was soll ich auf dem blöden Schiff, lallte er und krallte sich an der Theke fest. Das dritte Tuten nahm er schon gar nicht mehr wahr. Er wachte auf, weil es ihn fror. Er brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Wo war er, wie spät war es? Es war dunkel. Nein es war gar nicht dunkel, es war seltsam hell. Er saß auf einem Stuhl im Freien, im Garten vor der Wirtschaft, den Kopf auf den Armen, die Arme auf dem Gartentisch. Auf seiner Armbanduhr war es kurz vor vier. Er stand auf. Der Kopf tat ihm weh. Er ging, benommen und immer noch leicht schwankend, zu der Haustür. Sie war verschlossen. Die Fenstern neben der Tür waren mit Fensterläden verrammelt. Er klopfte und rüttelte am Türgriff. Vergeblich, sie ließ sich nicht öffnen und niemand kam, um ihn hineinzulassen. Dann sah er kleine Tautropfen glänzen, die sich in Spinnennetzen gebildet hatten und diese Spinnennetze waren auf der Tür, auf dem Türrahmen, auf den Fensterläden. Dann drehte er sich um und sah auf das Meer. Es lag ruhig da und das Licht des vollen Mondes brach sich in vielen kleine Welle, die leicht vibrierten und regelmäßige Muster bildeten. Er wunderte sich, wie hell es war, wie gut er die Einzelheiten sehen konnte und welch seltsame Farben auf den Wellen waren. Und erst jetzt bemerkte er, dass es nicht nur der volle Mond war, der sich im Wasser spiegelte. Erst jetzt sah er die wabernde Orgie aus grünen und roten Farben, die den Himmel großflächig bedeckte. Es war das erste Nordlicht, das er je gesehen hatte und gleich solch ein prächtiges. Er setzte sich wieder auf seinen Gartenstuhl und schaute und schaute und hoffte, dass das, was er sah, Realität und keine Illusion war.

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