Die Illusion

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Die Illusion

Die Illusion

Yupag Chinasky

Dann erwachte ihre Wissbegier schlagartig und sie beteiligte sich eifrig und spekulativ an der Rekonstruktion der dargebotenen Speisen. Sie hätte eine exzellente, eine leidenschaftliche Köchin abgegeben, wenn man ihr diesen Berufsweg nicht dank der frühen Heirat mit der guten Partie, die nun neben ihr saß, verbaut hätte. Das aufwändige Kochen, das sie noch zu Beginn ihrer Ehe durchzuführen pflegte und von dem sie immer noch schwärmte, war nur ein dürftiger Ersatz gewesen, besonders weil ihr Mann, je höher er im Beruf aufstieg, um so seltener zu hause aß. Wenn er nicht mit Kunden und Geschäftsfreunden tafelte, zog er es vor, mit ihr in ein Sternerestaurant zu gehen. Aufwändig kochen für sich selbst, hält keiner lange durch. Diese Leidensgeschichte war aber auch das Einzige, was sie von sich preisgab.

Und er? Er war in dieser Runde, und nur in dieser, der Intellektuelle, der Mann mit Charme und Erfahrung, weltoffen und umgänglich, tolerant und amüsant, ein ungebundener Bonvivant, der sich Luxus lässig leisten konnte und teure Reisen als selbstverständlich ansah. Er steuerte zur Unterhaltung Geschichtchen und Legenden bei, die man aber besser nicht hinterfragte, obwohl er sehr geübt darin war, rasch glaubhafte Details zu erfinden. Vor allem war er krampfhaft bemüht, sein wahres Leben zu verbergen. Er wollte auf keinen Fall, dass der Emporkömmling, der kleine Mann, der er nun einmal war, zum Vorschein kam. Diese Rolle konsequent und konsistent durchzuhalten war mühsam und anstrengend und er war jedes Mal froh, wenn er der Tischgesellschaft, der er nach den eisernen Regeln des Chefstewards, auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war, entkommen konnte. Er ging dann an Deck, setzte sich in einen der Korbsessel oder trat an die Reling, betrachtete die Landschaft mit seinem Fernglas und machte Fotos, die ganz gut waren.

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