Die Illusion

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Die Illusion

Die Illusion

Yupag Chinasky

Es zeigte zwar in eine andere Richtung als die, die er einschlagen musste und obwohl er bezweifelte, dass er um diese Tages- und Jahreszeit überhaupt geöffnet war, nahm er den ausgewiesenen Weg, da er plötzlich merkte, wie groß sein Durst war, den er unterwegs nicht hatte stillen können. Nach einer Viertelstunde sah er das hübsche Haus, das nahe am Wasser stand und von einem bunten Holzzaun umgeben war. Und er stellte beim Näherkommen zu seiner Freude fest, dass aus dem Kamin Rauch aufstieg, es musste also jemand da sein. Und tatsächlich, als er nah genug war, sah er eine junge Frau im Vorgarten sitzen. Sie las in einer Zeitschrift, vor sich auf dem Gartentisch eine Tasse. Aus der offenen Eingangstür tönte Musik, eine seltsam traurige Melodie, ein finnischer Tango, wie ihm schien.

Als die Frau auf ihn aufmerksam wurde, sah sie auf und lächelte ihn an. Er fühlte sich wie selbstverständlich eingeladen, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Sie war, wie sich sogleich herausstellte, kein Gast, sondern die Wirtin. Er bestellte ein Bier und nachdem sie es gebracht hatte, unterhielten sie sich. Es ging ganz leidlich, zwar in fehlerhaftem Englisch, aber da es für beide nicht die Muttersprache war, störte sie sich nicht daran. Die Frau konnte sogar ein wenig Deutsch. Während sie ihn fragte, woher und wohin und wieso er um diese Jahreszeit noch hier sei und er ihr bereitwillig antwortete, musterte er sie, erst verstohlen, dann aber immer offener. Sie gefiel ihm. Sie sah hübsch aus, groß und schlank, das blonde Haar zu einem Knoten gebunden, viele Sommersprossen im Gesicht, aber auch schon eine größere Anzahl kleiner Fältchen um Augen und Mund. Sie trug einen bunten Pullover, einen genauso bunten Seidenschal um die Taille, enge Jeans und wadenhohe Schaftstiefel. Am besten gefielen ihm aber ihre grauen, wachen Augen und ihr Lächeln. Ein zweites Bier? Ja, aber nur, wenn sie auch etwas tränke.

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