Im Café

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T. D. Rosari

Nur auf ihren stets stoischen Gesichtsausdruck musste sie bewusst achten. Nichts sollte Neugierde, Unsicherheit oder Zweifel signalisieren. All die wichtigen Männer, deren Blicke sie spürte, waren in ihren beruflichen Positionen Unterwürfigkeit und blinden Gehorsam gewohnt. Meist heirateten sie brave, folgsame Frauen, die aufopferungsvoll ihre Rolle als Ehefrau erfüllten, sich in ihren unterbezahlten Teilzeitjobs ausbeuten und zu Hause vom renitenten Nachwuchs drangsalieren ließen. Diese Männer fanden ihre eigenen Frauen nur noch langweilig. Es reichte, sie am Valentinstag mit einem Strauß Blumen und billigem Silberschmuck abzuspeisen. Wenn sie aber Bridget sahen, diese schlanke, elegante Frau und ihr demonstratives Desinteresse und ihre nach außen gekehrte Arroganz spürten, dann war der männliche Jagdinstinkt geweckt. Ein weiteres scheues Rehchen zu erlegen wertete den männlichen Trophäenschrank schließlich nicht auf, aber diese Frau, Bridget, war kein scheues Rehchen. Es war schwierig, diese Beute zu erlegen. Manche Männer probierten es trotzdem.
Natürlich war Bridget darauf aus, sich einen dieser Nobelschwänze zu gönnen. Männer, die sie ficken wollten, mussten sich dieses Privileg aber verdienen. Darum bekamen ausnahmslos alle Herren, die Bridget in ihrem Kaffee auf ein Getränk einluden, sie um die Uhrzeit oder den Weg zum Bahnhof fragten oder meinten, sie von irgendwoher zu kennen, eine kühle Abfuhr. Es war herrlich, wie diese Alphatierchen auf so eine Abfuhr reagierten: Da waren die offen Verblüfften mit ihrer Schnappatmung und den offenen Mündern. Es gab die Ritterlichen, die rot anliefen und sich nach der Abfuhr artig für die Störung entschuldigten, höflich blieben und sich dann doch gedemütigt und in ihrem Stolz verletzt von dannen machten. Und dann waren da die Beleidigten, die ihrerseits mit meist recht einfalls- und zahnlosen Beleidigungen reagierten.

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