Im Tunnel von Eupalinos

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Im Tunnel von Eupalinos

Im Tunnel von Eupalinos

Anita Isiris



Der Tunnel war tatsächlich trocken und so warm, dass Jana nach kurzer Zeit ihr rot-hellblaues Sommerkleid am Leib klebte. Elias leuchtete mit einer Taschenlampe den Weg, und endlich erreichten der Maler und sein Modell den Ort magischen Geschehens. „Hier...?“, brachte Jana überrascht hervor und staunte, wie ordentlich der Künstler alles vorbereitet hatte. „Vorbereitung ist die halbe Miete“, hatte ihr einmal eine Berufskollegin gesagt, die ebenfalls sehr gerne malte, allerdings eher Korn- und Sonnenblumen. „Mach es Dir bequem“, sagte Elias heiser. Er begehrte Jana dermassen, dass er unter Mundtrockenheit litt. Jana hoffte inständig, dass ihr Ehemann sich nicht etwa mit den neu gewonnenen Bocciafreunden verkrachte und viel früher zurückkam als vereinbart. Zwischen Jana und Elias knisterte es zunehmend, während er sich von ihr abwandte und erste Farben mischte. „Die Hautfarbe“, sagte er, „die weibliche Hautfarbe ist der am schwierigsten zu treffende Ton überhaupt. Männliche Haut und weibliche Haut sind übrigens nicht dasselbe. Hat man künstlerische Gefühle, so wie ich, eine künstlerische Sicht gar, erkennt man auf weiblicher Haut eine unscheinbare golden glimmernde Aura. Die gilt es nun umzusetzen, wenn ich Dich male.“.

„So viel Haut gibt es ja gar nicht zu malen bei mir“, lachte Jana. „Der grösste Teil meiner Oberfläche besteht doch aus meinem Sommerkleid“. Elias fasste sich ein Herz. „Ich möchte das ändern. Ich meine... ehm... ich möchte Dich ohne Dein Sommerkleid malen, ein echtes Kunstwerk, und ich stelle mir Dich mit offenem Haar vor, in die Ferne blickend und mir Deinen Körper preisgebend, auf dass ich ihn in die Gefilde künstlerischer Ewigkeit entrücke“. Also entweder war dieser Elias ein Spinner oder tatsächlich davon überzeugt, dass sie beide im Tunnel von Eupalinos ein Kunstwerk schaffen würden, für das die Leute im Centre Pompidou eines Tages Schlange stehen würden.

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Der Tunnel von ...

schreibt Huldreich

Liebe Anita Isiris! Wie immer, hinreißend und mitnehmend diese Geschichte, vielen Dank und liebe Grüsse Huldreich

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