Was war denn in sie gefahren?
Dann ergab das Eine das Andere. In seiner Natürlichkeit, seiner Unschuld gar erheiterte Elia sein Modell stets aufs Neue, so, dass sie nach kürzester Zeit nichts mehr dabei fand, sich dem Mann, den sie kaum kannte, zu zeigen, so, wie Aphrodite sie ihrerzeit geschaffen hatte. Als Elias einen der feinen Pinsel auf die Leinwand setzte, um erste Konturen festzuhalten, durchfuhr ihn ein elektrischer Schlag. Es war, als würde er Jana direkt berühren, an einer ihrer empfindlichen Stellen, etwa dem Bauchnabel oder der Incisura Jugularis. Elias war sehr kundig, was Anatomie anging, und eigentlich musste sich vor ihm gar niemand ausziehen. Er wusste auch so, wie jede beliebige Frau unter ihren Kleidern aussah, und hatte er tatsächlich einmal eine nackt vor sich, hatte er ein exaktes räumliches Vorstellungsvermögen von Drüsenläppchen, Adnexe, Omentum Majus und der topographischen Lage der Michaelis-Raute.
Jana aber war etwas ganz anderes. Sie war ein Gesamtkunstwerk, und er ahnte ihre schimmernde Seele, ihr Sehnen nach Weite, Wärme und südlichem Glück. Elias ahnte ihr Sehnen nach jemandem wie ihm. Aber er verdrängte den Gedanken sofort und trug nun erstmals die zuvor gemischte Hautfarbe auf. Sie war perfekt, und für einen kurzen Moment musste Elias an Oscar Wilde denken. The picture of Dorian Gray. Das perfekteste je geschaffene Gemälde, und dann bleibt das Modell, ein hübscher junger Mann, immer gleich alt, und der Mann im Gemälde fällt dem Zahn der Zeit anheim.
„Nimm die Hand ein bisschen weg, bitte“. Intuitiv hielt Jana ihre Scham bedeckt, was ihr in dieser fremden Situation kaum zu verdenken war. Jede Frau hätte sich so verhalten. Nun leistete sie, als wäre sie hypnotisiert, der Aufforderung des Künstlers Folge und entblösste ihre hübsch getrimmte Venus. Elias konnte von diesem Anblick kaum genug bekommen, und sein Hunger wuchs.
Im Tunnel von Eupalinos
44 14-22 Minuten 1 Kommentar
Im Tunnel von Eupalinos
Zugriffe gesamt: 4371
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.
Der Tunnel von ...
schreibt Huldreich