Im Tunnel von Eupalinos

44 14-22 Minuten 1 Kommentar
Im Tunnel von Eupalinos

Im Tunnel von Eupalinos

Anita Isiris

„Die Trockenheit dauert nun seit Monaten an, es ist dort unten mittlerweile warm und trocken.“


Elias hatte sich tief in der Nacht Einlass in den Tunnel von Eupalinos verschafft, war ins Innere vorgedrungen und hatte sich einen idealen Platz ausgesucht. Den Platz für ihn als Maler, für Jana als sein Modell. In einem erweiterten, beleuchtbaren Seitengang hatte er eine Matratze ausgelegt, mit zahlreichen Kissen, auf dass sich sein Modell dort unten wohlfühle, ob nun angezogen oder nackt. Selbst eine spanische Wand hatte er hingestellt, wissend, dass Frauen auch dann, wenn sie bereit sind, sich auszuziehen, eine gewisse Diskretion schätzen. Ebenso hatte Elias eine Staffelei installiert. Auf einem langen Brett hatte er unzählige Tuben mit Ölfarben ausgelegt. Das alles hätte ihn ein Vermögen gekostet, aber Elias wusste von einem begüterten Oligarchen, bei dem er ab und zu Gartenarbeiten erledigte – für ein paar Euro die Stunde. Dieser Oligarch war ebenfalls leidenschaftlicher Maler, aber ihm galt die Malerei nur als Vorwand, um junge Griechinnen in den Keller seiner Villa zu locken. Hatte er jeweils die ersten Pinselstriche getan, machte er sich an die unschuldig posierenden Frauen heran und vernaschte sie. Elias war von ganz anderem Gemüt, in ihm pulsierte tatsächlich die Seele eines Künstlers. Nun stand sein Leben vor der Vollendung. „Jana im Aquädukt“. Er sah sein Werk bereits in einem der berühmten französischen Museen, im Centre Pompidou oder im Louvre gar. Es hatte bei Elias keine grossen Skrupel verursacht, dem schwerreichen Lüstling massenhaft Tuben mit Ölfarbe zu entwenden. Erstens waren nach seinem Raub noch immer genügend Farben da, ausserdem malte der Oligarch ja gar nicht wirklich. Mit schmallippigem Lächeln hatte Elias daher auch eine Staffelei, zwei Leinwände und eine Matratze mitgehen lassen und alles auf einen kleinen, sorgsam verborgenen Leiterwagen gepackt.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 4370

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Der Tunnel von ...

schreibt Huldreich

Liebe Anita Isiris! Wie immer, hinreißend und mitnehmend diese Geschichte, vielen Dank und liebe Grüsse Huldreich

Gedichte auf den Leib geschrieben