Dann tauchte die Touristenschar in eine kleine Kirche ab. Sie war tatsächlich unterirdisch gelegen und verfügte nebst dem Kirchenschiff über zahlreiche Nebenräume. Eine kleine Lounge. Mehrere Schlafzimmer. Wohnräume. Drei Bäder. Vorbereitungsräume für den Priester. Schloss man einzelne Räume ab, war es mit einem Mal totenstill. Erst in diesem Moment wurde den Touristen bewusst, dass sie sich tief unter der Erde befanden – so tief, dass niemand sie würde schreien hören, so sie hier unten vergessen würden. Kuno Behrendt war besonders neugierig und erforschte die hintersten Winkel der kleinen Kirche auf eigene Faust. Er war Hannoveraner und erholte sich auf seinem Australientrip vom Wirtschaftscrash in Europa und den USA. Als Banker hatte er es nicht immer einfach, beileibe nicht. Er war allein unterwegs, leutselig, gut aussehend und humorvoll, was ihm viele Kontakte einbrachte. Auch Luisa war Single, sie schloss aber immer dicht auf die Gruppe auf – ihr war die unterirdische Kirche unheimlich. Die Hitze war auch hier drückend, aber doch erträglicher als an der Erdoberfläche. Dann hörte sie mit einem Mal die Stimme von Jacko nur noch aus weiter Ferne. Die Gruppe befand sich gerade in einem luxuriös ausgestatteten Schlafraum mit gedimmtem Licht, einem Kühlschrank, einem breiten Bett, was natürlich die Frage auslöste, ob denn Priester in Coober Pedy auch dem Zölibat unterworfen waren oder nicht, und einem ausladenden Kronleuchter. Die Touristengruppe drängte zur Tür, und alle freuten sich, draussen wieder in die normale Welt an der Erdoberfläche aufzutauchen. Mit einem sanften “klack” schloss sich die Tür; Jacko drehte den Schlüssel und ging mit der Gruppe selbstzufrieden zurück ins Kirchenschiff. Im Schlafraum war es totenstill, tiefdunkel und schwül. “Hallo, ist da jemand?” Kuno tastete sich zwischen zwei Erdsäulen hindurch und versuchte, sich zu orientieren. Neben sich hörte er ein leises Atmen und erschauderte. “Ist da jemand?” Dann schrie er auf. Kuno war nicht furchtsam, keineswegs. Aber da war etwas vor ihm, etwas Weiches, das nachgab, wenn er daran stiess. Und dieses Etwas atmete. Es war so dunkel, dass Kunos Augen Mühe hatten, etwas zu erkennen – auch nach längerer Zeit. Er fasste sich ein Herz, ging in die Knie und berührte den Gegenstand vor ihm. Er spürte den festen Stoff eines Rocks, tastete sich dem Saum entlang und wusste sofort, dass da eine Frau lag. Kuno war ein korrekter junger Mann und missbrauchte die Situation keineswegs, brauchte aber doch Gewissheit. Darum betastete er den Oberkörper und liess seine Hände für kurze Zeit auf dem grosszügigen Busen ruhen. Lisa atmete heftiger. “Hallo”, sagte Kuno, und “Scheisse nochmal”. Er realisierte, dass die Frau vor ihm bewusstlos war. Lisa hatte die schwüle Hitze und den seltsamen Druck tief unter der Erde nicht ertragen und war in sich zusammengesunken. Glücklicherweise war ihr Kopf nur gegen die Matratze des Doppelbetts geprallt und sie hatte sich keine Verletzungen zugezogen.
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