Kuno dachte messerscharf nach und erinnerte sich, dass er während seiner Privatexkursion durch die Nebenräume aus dem Augenwinkel heraus eine Wasserkaraffe wahrgenommen hatte. Sie stand in einer Nische an der linken Seite des Bettes. Kuno angelte ein frisches Taschentuch aus seiner Hose, fluchte, als er mit dem Schienbein gegen eine Kante schlug, tastete sich dem Bett entlang und fand tatsächlich das Wasserbehältnis wieder. Er nahm es gleich mit, tauchte sein Taschentuch hinein, faltete es sorgsam und legte es der unbekannten Frau auf die Stirn. “Où suis-je?” fragte sie. Kuno verstand kein Wort französisch, er liebte aber diese sinnliche, melodiöse Sprache über alles. Lisas Tonfall hatte etwas Obszönes an sich – möglicherweise hing das mit der misslichen Lage zusammen: Französisch, die Sprache der Liebe, tief unter der Erde, in ungastlicher Gegend, in einem dunklen, schwülen Raum. Lisa richtete ihren Oberkörper auf und lehnte gegen die Bettkante. “Ich bin der Kuno”, stellte der Hannoveraner sich unbeholfen vor. Auch seine raue Stimme nahm sich im unterirdischen Gewölbe sonderbar aus. Lisa atmete tief und hielt die Tränen zurück. Was war während ihrer Bewusstlosigkeit geschehen? Sie hatte sich doch bloss, aus einer Laune heraus, einer Touristengruppe angeschlossen, um ein wenig mehr über die Geheimnisse von Coober Pedy zu erfahren? Sie war Kindergärtnerin und hatte lange für diesen Australientrip gespart. Kurz vor der Abreise hatte ihr Freund sich von ihr getrennt, was aber Lisa nicht davon abhielt, die Reise anzutreten. “Lieber allein als gar nicht”, hatte sie allen anvertraut, die das hören wollten. “C`est mieux d`y aller seule que de renonçer.” Sie war eine begehrenswerte Frau mit dichtem, langem, schwarzem Haar, einem ovalen, hübschen Gesicht mit vielleicht etwas zu vollen Lippen und einer Figur, die sich sehen lassen konnte. Möglicherweise waren ihre Brüste zu gross im Verhältnis zu ihrem schlanken, langen Hals und der schmalen Taille, aber sie war ein Hingucker. Die ganze Banlieue, in der sie lebte, vergötterte sie. Selbst beim Wäscheaufhängen hatte sie Beobachter. Und jetzt das. Einsam und verlassen, unterirdisch, in völliger Dunkelheit und in Gegenwart eines Deutschen mit rauer Stimme, von dem sie überhaupt nichts wusste. Sie befühlte ihre Stirn , weil ihr Kunos Taschentuch über die Augen gerutscht war, und hielt es ihm hin. Sie konnte nur seine Silouhette erkennen, für Details war es viel zu dunkel. “Die haben uns hier eingesperrt”,sagte Kuno, “they have locked us in”. Lisa verstand ein bisschen englisch, “to lock” kannte sie vom Bahnhofgepäck und ahnte allmählich, in was für einer misslichen Lage sie sich befanden. “Jacko has the key”, fuhr Kuno fort und seufzte. Von diesem Moment an näherten sich die beiden Menschen einander an. “Willst Du trinken?” Kuno hielt Lisa die Karaffe hin. “Toilet?” Lisa musste dringend und hatte keine Ersatzwäsche dabei. Ein Missgeschick konnte sie sich nicht leisten, ohne zu wissen, wie viel Zeit sie hier unten verbringen würde. Wiederum war es Kunos Exkursion zu verdanken, dass Lisa bald darauf auf einer modernen Toilettenbrille sass und sich erleichtern konnte. Etwas mutiger geworden, tastete sie nach dem Waschbecken und dem Duschvorhang mit den bizarren Mustern. Sie versicherte sich, dass die Tür verschlossen war, zog sich aus und öffnete den Duschwasserhahn.
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