In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

Der Therapeut

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In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

Anita Isiris

Ich, Pascal Jeanrenaud, ich, ein wahrhaft etablierter 40jähriger Arzt. Ich, ein Doktor, der schon so viele Frauen und Paare glücklich gemacht hat. Frauenaugen, leuchtende Frauenaugen können sich doch nicht täuschen, können niemals lügen – oder etwa doch?

Irgendjemand hat mich an die Police verraten – und dann ging alles sehr schnell. Als Erstes haben sie mir das Smartphone abgenommen. Ich hatte gerade mal drei Minuten Zeit, um das Nötige in eine Plastiktasche zu stopfen. Frische Unterwäsche, Socken, Toilettenzeug. Dann ging es ab im vergitterten Wagen, so, als wäre ich ein Schwerverbrecher.

Wenigstens einen Gefängnis-Laptop hatten sie mir zur Verfügung gestellt – allerdings einen ohne jeglichen Internetzugang. Gewisse Seiten hätten sie ja sperren können – aber mich gleich ganz auszuschliessen von World Wide Web kam aus meiner Sicht einer Foltermethode sehr nahe. Wenigstens beherrsche ich das Zehnfingersystem. Schon an so mancher Frau bin ich zugange gewesen, mit allen zehn Fingern, und, oh ja, ich wusste, wie man sie einsetzt, die Finger. In den Achselhöhlen. In der Halsbeuge. Im magischen Tal zwischen den Titten. Am Processus Xiphoideus. Den Rippen entlang, spielerisch, tänzerisch gar. Ganz zu schweigen von der Stelle, an der die Taille ins Becken übergeht, wenn sie auf dem Bauch, sur le ventre, liegen, die Schätzchen. Die Michaelis-Raute. Oh mein Gott. Schon nur der Gedanke an die weibliche Michaelis-Raute hinderte mich daran, jetzt, sofort, aufzustehen.

„Stehen Sie auf. Jetzt. Sofort“. Der Gefängniswärter René, der meistens Dienst hatte. Er drangsalierte mich, seit ich hier war – so, als wäre ich ein Pädo. Dabei bin ich doch nur ein einfacher Womanizer, einer der Frauen einatmet, sich von ihrer Anwesenheit ernährt, sie liebevoll, in gegenseitigem Einverständnis, erkundet. Ich bin doch nur Dr. Jeanrenaud aus Paris.

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