In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

Der Therapeut

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In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

In Untersuchungshaft oder das Ende von Dr. Jeanrenaud

Anita Isiris


Ich musste mich meiner Privatklamotten entledigen, vor den glitzernden Augen des Gefängnisbullen, und in knatschgelbe Häftlingsklamotten steigen. Knatschgelb. Waren diese Klamotten früher nicht schwarz-weiss gestreift gewesen? So wie bei Lucky Luke? Oder bei den Panzerknackern? Mit Genugtuung observierte mich mein Leibwächter und warf einen missbilligenden Blick auf den Laptop auf dem wackligen Holztisch neben meiner Pritsche. Einen kurzen Moment lang fürchtete ich, er würde ihn konfiszieren – dann wandte sich der Mann abrupt ab und liess das Schloss der Stahltür zuschnappen.

Ich legte mich hin und döste weg. Als ich die Augen aufschlug, traute ich ihnen kaum. In meiner Zelle war eine Reinigungsfrau zugange. Eine schwarze Reinigungsfrau, oder, um der Woke Gesellschaft gerecht zu werden: Eine People of Colour. Im Grunde, das sei mir verziehen, denn ich bin absolut kein Rassist... Im Grunde stehe ich allerdings auf weisse Frauen, auf französisch sprechende Schätzchen mit einem Blümchentattoo am zarten Malleolus lateralis. Aber People of Colour? Doch – von ihnen hatte ich ebenfalls welche in meiner Praxis gehabt. Ich habe ihnen die Pille verschrieben und eine Routineuntersuchung durchgeführt dann und wann. Ganz professionell und schnell, das Ganze.

Aber jetzt war ich derart ausgehungert, dass ich die Reinigungsfrau nicht aus den Augen lassen konnte. Ich stellte mich weiterhin schlafend, um sie ungestört beobachten zu können. Sie drehte sich von mir weg – und da war es um mich geschehen. Unter ihrer knallengen, grünen Uniform wölbte sich ihr Riesenhintern. Warum eigentlich haben viele schwarze Frauen solch einen prominenten Arsch? So richtig zum Knuddeln und ein bisschen draufhauen? Vom Untersuchungshäftling wandelte ich mich in Sekundenbruchteilen zu Dr. Jeanrenaud. Ich analysierte den Körper der Farbigen und meinte genau zu wissen, welch eine Pracht sich unter ihrer Uniform verbarg. In Gedanken stellte ich mich hinter sie.

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