Johanna

Tinas Geschichte - Epilog

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Stayhungry

In dem leeren Stockwerk aber hatte es zur Nachmittagszeit keine Zeugen gegeben. Der Mann, der das Zimmer vor ein paar Wochen gemietet hatte, war flüchtig. Es hieß, er habe die letzten Jahre im Osten des Kongo verbracht, wo Ingenieure, Bauarbeiter, Händler und Söldner als Abenteurer und Raubritter begehrte Rohstoffe ausbeuten, ein blutiger Krieg widerstreitender Kräfte um diese Quellen des Reichtums tobt und ein Menschenleben nichts wert ist. Dorthin sei er vermutlich zurückgekehrt.

Die Nachricht von Tinas Tod und seinen Umständen hatte K. als unschönes, sensationslüsternes Gerücht erreicht. Er war wie gelähmt, der Tod eines nahe stehenden Menschen ist immer ein Schock und trifft das Innerste, aber sie war der Inbegriff der Vitalität, der Lebensenergie, des Lebenshungers, ihren Tod zu begreifen war fast nicht vorstellbar. Ihr hatte er zuletzt Glück gewünscht, und er hatte es mit zwiespältigem Gefühl getan, aber seine Sorge galt mehr ihrem seelischen als ihrem körperlichen Wohlergehen. Dass es so furchtbar kommen sollte, hätte er nicht für möglich gehalten. Nun stand er neben ihrer buchstäblich verlassenen Tochter, fühlte sich fehl am Platze und hatte doch das Gefühl, er dürfe sie nicht allein lassen in ihrem Elend, unwissend, ob ihr das Recht wäre. Er ließ sich etwas beschwerlich neben ihr nieder und legte seinen Blumenstrauß in den Kranz vor ihm. Still sprach er sein Gebet, nach langer Zeit wieder aufrichtig bittend um einen von uns genommenen Menschen.

Nach einer kleinen Ewigkeit fragte sie ihn: Warum hat er das getan? Warum bringt mein mieser Erzeuger meine Mutter um? K. verstand ihr Flehen. Wir können den Tod an sich nicht, noch viel weniger die Gewalt und die Grausamkeit verstehen, antwortete er ihr nach kurzer Überlegung, denn dann würden wir ihnen irgendeine Berechtigung zugestehen. Wir können nur versuchen, es auszuhalten, dass ein mitleidloses Schicksal uns einen geliebten Menschen nimmt, der in unserem Herzen wohnt.

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