Johanna

Tinas Geschichte - Epilog

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Stayhungry

Er legte seinen Arm um sie und hielt sie, lange, schweigend.

Als es merklich kühler wurde, fragte sie zögernd, ob sie gehen sollten. Eigentlich war er so unschlüssig wie sie, doch er half ihr sich zu trennen von diesem Ort, an den sie doch immer wieder zurückkehren, der ein Teil ihres Lebens werden würde. Er ging mit ihr bis zur Haltestelle und als der Bus kam, schüttelte sie ihr Haar aus dem Gesicht, ganz ähnlich ihrer Mutter, und fragte, ob sie sich wieder treffen könnten. Mit feuchten Augen sagte er ja und drückte ihr seine Karte in die Hand. Die Gewissheit, sie getröstet zu haben, wenn auch nur für einen Moment, machte ihn glücklich in seiner Trauer und ein wenig fühlte er sich, als wäre sie seine Tochter.  Als sie sich beim Abfahren des Busses noch zuwinkten, hoffte er inständig, sie würde sich melden.

* * *

Der Anhang von Tinas letzter Nachricht enthielt ein Photo von ihr und Agnes aus der eigenen Hand auf sie selbst gerichtet, ein typischer Schnappschuss mit verzogenen Winkeln, fröhlich, sehr sympathisch, und die Empfehlung, K. solle sich doch dort einmal sehen lassen, nebst Angabe der Adresse.

Wieder und wieder verwarf er den Entschluss, den die lockende Verführung diabolisch in sein Ohr flüsterte. In ihm tobte ein Kampf aus vielerlei Gründen. Seiner Liebsten wollte er nie untreu werden, denn auch wenn ihre erotische Beziehung aus Verletzungen unschöne Narben davongetragen hatte, so war ihr Leben das Beste, was ihm widerfahren war, das wollte er nie aufs Spiel setzen. Darüber hinaus hatte er noch nie in diesem Bereich kommerzielle Dienste in Anspruch genommen. Zu abstoßend war das Bewusstsein um verschleppte, missbrauchte, benutzte, ausgenutzte Frauen im Milieu, auch wenn immer wieder die Mär von der selbstbewussten, autonomen Gewerbetreibenden durch den Blätterwald geistert.

Der Gedanke ließ ihn dennoch nicht mehr los.

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