Sie hatte es wohl verspürt, dass er ihr entsprechend empfand, wenn auch seine abgründigen Lüste nicht so weit gingen wie die ihren. Am meisten beschäftigte ihn, dass sie dies ja geschrieben hatte, als sie noch davon ausging, selbst weiterhin dort Erquickung zu finden und ihn hatte sie dazu eingeladen. Bitterkeit und Trauer erfüllten ihn. Eines Tages schließlich stand K. vor Madames Tür. Ein beruflicher Termin hatte ihn in die Stadt geführt und er konnte nicht mehr widerstehen. Mit zittriger Hand hatte er die Nummer gewählt und ganz gegen die wohl üblichen Gepflogenheiten seinen vollen richtigen Namen genannt, und um einen Termin für den heutigen Tag nachgesucht. Seiner Antwort auf die Frage, auf wessen Empfehlung er anriefe, folgte Schweigen. Dann wurde ihm gesagt, er könne heute nach Belieben erscheinen.
Das Ambiente des Raumes entsprach durchaus dem, was seine Phantasie aus Tinas Schilderung entworfen hatte. Agnes, die letzte enge Vertraute Tinas, saß ihm gegenüber im Sessel, die nackten Beine in Lederstiefel reizvoll übereinandergeschlagen. Ihr blondes Haar war in einer Weise hochgesteckt, wie Tina es früher getan hatte, ihre treffliche Figur in ein Korsett geschnürt mit äußerst attraktivem Schnitt und den von Tina geschilderten Applikationen, die vielfältigen Zugang ermöglichten. Sie schien K. vertraut vom ersten Moment an, eine nachdenkliche, starke Frau. Der Blick von außen auf die Situation hätte ohne Zweifel eine prickelnd aufgeladene Atmosphäre unterstellt, aber sie saßen sich in entspannter Melancholie gegenüber und sprachen über ihre verlorene gemeinsame Freundin.
Dieser Austausch offenbarte K. so manches, dass er, zu seinem eigenen Schutz, nicht erfahren hatte, und er war Tina dankbar dafür, dass sie nicht versucht hatte, in seine Ehe einzudringen. Dieser Gedanke hatte sie in den Tagen ihrer Einsamkeit mehr beschäftigt als ihr lieb war, und abgehalten hatte sie weniger seine risikoscheue, zurückhaltende Art, die damals ausschlaggebend gewesen war für ihr Scheitern, sondern der Respekt vor seiner Liebe zu seiner Frau. Agnes also wusste mehr von ihm, als er hätte annehmen können. Und so führte sie ihn behutsam heran an die Offenbarung seines dunklen Verlangens. Er nahm ihre Dienste in Anspruch, ohne die Grenze zu überschreiten, die er sich im Hinblick auf die Liebe seines Lebens gezogen hatte, und durfte doch die Erfüllung geheimer Wünsche erfahren, die zu ihm und seiner Seele gehörten. Er war angekommen.
Mit gemischten Gefühlen, ein wenig entsetzt über sich selbst, etwas deprimiert, aber auch eigenartig wohlig befriedigt verließ er sie. Gelegentlich rief Agnes ihn im Büro an und sie sprachen über so manches, dass sie bewegte, wissend, dass sie in verschiedenen Welten lebten, die sich unverhofft, aber nicht dauerhaft berühren. Gemeinsam war ihnen, dass sie ihre Freundin geliebt und nicht verlassen, aber auch nie festgehalten hatten. Selten, sehr selten, begehrte er am Tor zu ihrer Welt Einlass. Dann nahm sie sich stets Zeit für ihn.
Ein Mensch aber fehlte ihnen, und sie waren sich einig, sie bräuchten nicht ihre Nähe, sie wären glücklicher, wenn sie nur wüssten, sie wäre irgendwo da draußen.
Und lebt.
Und liebt.
Johanna
Tinas Geschichte - Epilog
20 15-23 Minuten 0 Kommentare
Johanna
Zugriffe gesamt: 4649
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.