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K. war wie vom Blitz getroffen. Aus den Augenwinkeln hatte er sie wahrgenommen im Gewühl der Menschen um ihn herum, die alle inbrünstig zu den meisterlichen Balladen einer bekannten Hardrock-Formation sangen und sich im Takt wiegten. Nur er stand als mitgeschleppte Krankheitsvertretung für die Eintrittskarte etwas deplatziert in seiner schwarzen Lederjacke wenige Meter vor der Bühne und fand das zwar gut, konnte aber den kundigen Anhänger nicht vorgeben unter all diesen sehr textsicheren Die-Hard-Fans. Er war fasziniert, wie eine Musik, die wahrlich schon Tradition hatte, mehrere Generationen in Begeisterung vereinen konnte. Die Helden seiner Jugend genoss er meist zusammen mit denen, die mit ihm jung gewesen waren.
Als ihr Blick den seinen traf, wandte sie ihn sofort ab, tat, als hätte sie dieses Fixieren, das äußere Zeichen der aufgewühlten Gefühle in ihm, nicht bemerkt. So wie es eben immer geschieht, wenn eine junge Frau den begehrlichen Blick eines angegrauten Mannes wahrnimmt und diese anmaßende Inbesitznahme ihrer Person verweigern will. Dieser Reaktion folgt jedoch stets die unauffällige Kontrolle ob und inwieweit die nonverbale Zurückweisung erfolgreich war. Doch hier ging es nicht um eine erotische Begegnung, ein spielerisches Kräftemessen, eine wortlose Versicherung der Aufrichtigkeit des Begehrens. Er hatte sie erkannt. Und genau das geschah nun auch mit ihr. Ihr abschätzig-trotziger Gesichtsausdruck wich einem ungläubigen Staunen, es arbeitete gewaltig in ihr. Neben ihm stand Johanna, nun eine junge Frau von neunzehn, zwanzig Jahren, aber nach Auftreten und Ausstrahlung älter und reifer zu schätzen. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, eine jugendliche Tina, und sie trug ihr schimmerndes, schwarzes Haar lang und offen, wie sie damals. Eine aktuelle Version zeitloser, figurbetonender Jeansmode, Stiefeletten und geschmackvoller, dezenter Schmuck unterstrichen die Ähnlichkeiten im Äußeren.
Johanna
Tinas Geschichte - Epilog
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Johanna
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