Mit den letzten Besuchern verließen sie das Gelände und blieben gleich im angrenzenden Park hängen. Sie lungerten auf Parkbänken und kletterten auf klassizistische Aussichtsplattformen. Sie waren vor Rührung den Tränen nah und sie schütteten sich aus vor Lachen. Sie berührten sich, hakten sich ein, waren sich nah. Die Art, wie Johanna zunehmend zu ihm hin suchte, hatte nichts gemein mit einer anlehnungsbedürftigen jungen Frau. Sie war in all ihrer offenkundigen Verletzlichkeit selbstbewusst. Alles, alles an diesem Abend, in diesen nächtlichen Stunden schenkte sie ihm auf Augenhöhe, wie eben diesen ersten, sanften und atemberaubenden Kuss.
Komm mit zu mir! hauchte sie lächelnd im Mondschein dieser warmen Sommernacht, und diese Aufforderung traf ihn ins Mark. Er zögerte. Doch was hielt ihn ab davon? Er war so einsam wie nie zuvor in seinem Leben und dieses faszinierende Wesen lud ihn ein zu sich. Dass er sie zum einen empfand wie seine eigene Tochter, andererseits ihre erotische Anziehung seinen Herzschlag pochen ließ in seinen Schläfen, war in dem in ihm tobenden Widerstreit ein anmaßender Luxus. Sie war nicht seine Tochter, so dass inzestuöse Gewissensbisse jeder Grundlage entbehrten. Johanna zog ihn lachend mit sich, ohne eine Antwort abzuwarten.
***
K. hatte lange nicht gehört von Tina, keinen beruflichen Termin bei ihr zugeteilt bekommen. Zu ihr wollten alle, denn nicht jeder Richter ist fachlich so ganz auf der Höhe, mancher zum Ausgleich dafür auch nicht besonders arbeitsam. Sie war brillant, stets gut vorbereitet, souverän, dazu charmant und, ja, optisch eine Augenweide. Wenn sie strafend wirkte, wusste jeder, es erfolgt zu Recht und diese Darbietung hatte hohen Unterhaltungswert auch für das Opfer, dem in letzter Konsequenz doch immer Schonung gewährt wurde. Man könnte es fast frivol so formulieren, aus ihrer Hand empfing jeder gern die Peitsche. Er hatte bei ihr im Büro angerufen, sie aber einmal nicht erreicht und der zugesagte Rückruf kam nicht, und dann ein zweites Mal nur in Eile erwischt, auch ohne weitere Folgen. Damit sah er es nicht mehr als seine Aufgabe, den Kontakt wiederherzustellen. Wahrscheinlich hatte sie der Trubel des Alltags fest im Griff. Er nahm es ihr nicht übel, denn gute Freundschaften bewähren sich dann, wenn es auch möglich ist, sich nach langer Zeit unvermittelt wieder zu melden, ohne Ablehnung oder gar Vorwürfe zu ernten. Er hatte ein paar solcher Freunde und diese stellten wirklich eine Bereicherung dar. So war er etwas erstaunt, nach mehr als einem halben Jahr eine E-Mail von ihr zu erhalten. Zunächst verwunderte ihn, woher sie seine Adresse kannte. Dann erinnerte er sich, dass er ihr nach ihrer gemeinsam verbrachten Nacht bei ihrem auswärtigen Geschäftstermin seine private Visitenkarte mitgegeben hatte, die auch diese Kontaktmöglichkeit enthielt.
Johanna
Tinas Geschichte - Epilog
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Johanna
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