Aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, sich etwa mit Celine über das Fehlen männlicher Zuwendung zu trösten. Jene Passagen im Tagebuch ihrer Mutter hatten sie eher ratlos gelassen. Patrizia nun hatte zwar unzweideutig mit ihrem Interesse an Johanna kokettiert, aber mit ihrer unkomplizierten, ehrlichen Offenheit fühlte sich Johanna tatsächlich von ihr angezogen wie bisher nicht von einer Frau. Das lag wohl sicher daran, dass Patrizia sie zu nichts drängte, sie in der Öffentlichkeit nicht besitzergreifend anmachte, aber an einem einzigen Abend so vieles an Zartem und Richtigem zu ihr gesagt hatte, wie ihre beste Freundin in einem halben Leben nicht. Am schwersten wog, dass sie nicht nur klug, sondern auch deutlich älter war als Johanna. Wie schon bei K. half Patrizia deren Lebenserfahrung, Begehren ohne Bedrängen spüren zu lassen. Und wie bei ihm fühlte Johanna den übermächtigen eigenen Wunsch, diese Zurückhaltung aufzubrechen und das glückliche Gefühl beim Zusammensein hinzuführen in das Glück von Berührung, Nähe und sinnlicher Ekstase.
Jetzt empfand Johanna dieses starke Verlangen nach ihr, wiewohl sie dies bisher doch gar nicht kannte als eine eigene Neigung. Nur hatte sie das durch und durch gute Gefühl, nichts hieran könnte falsch sein. Schon auf dem Heimweg, die paar Straßen von der Kneipe zu Patrizias Wohnung, hatten sie wie beiläufig ihre Arme um die Hüften geschlungen und sich im Treppenhaus den ersten sanften Kuss wie selbstverständlich geschenkt. Johanna schlug das Herz bis zum Hals und ein heißes Pulsieren durchströmte sie. Erregt wie zuletzt nur bei ihrem neuen Liebhaber, ohne den sie sich jetzt ihre Welt gar nicht mehr denken konnte, dieser unverschämt liebenswerte Kerl, der unablässig betonte, dass sie immer frei sei.
Ja, frei, so fühlte sie sich an seiner Seite, und frei fühlte sie sich jetzt mit dieser faszinierenden Frau. Und ja, sie wollte sie berühren und küssen und streicheln und erkunden und von ihr erkundet werden. Wie sie Johanna in ihre Seele hatte blicken lassen, so wollte Johanna sie nun spüren, unbegrenzt, lustvoll, intim.
Ja, so war Erotik, keine dem Trieb geschuldete Gier, nur seelisch-sinnliche Beziehung ohne lebens- und liebesfeindliche Trennung durch den Verstand. Johanna lief es heiß und kalt über den Rücken, als sie in Patrizias Augen blickte.
Und ihr Lächeln war die wortlose, wunderbare Einladung in ihre Arme.
(Fortsetzung folgt)
Johanna und die Lady in Black
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