Josie Teil 1

Hochmut kommt vor dem Fall

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Josie  Teil 1

Josie Teil 1

Gero Hard

„Wer ist das Schatz? Schick ihn weg und komm wieder zu mir!“, flötete es aus dem Schlafzimmer. Musste ein junges Ding sein, die sich dort in seinem Bett wälzte. Ihre Stimme klang jung, hell und … geil!
„Komm gleich, Süße!“, rief er über seine Schulter hinweg nach hinten in den Flur.
„Beeil dich, ich bin so weit!“, flötete die Elfe zurück.

Mir war sofort klar, was sie damit meinte. Vermutlich war sie nass zwischen den Beinen und konnte es kaum erwarten, dass sie von seinem Spieß, durchgepflügt wurde.
„Was willst du?“, blaffte er mich an. Sein Ton war scharf und aggressiv.
„Ich wollte dir sagen, dass … ich mich in dich verliebt habe und dachte, wir könnten …, aber das hat sich ja wohl erledigt.“, flüsterte ich mit gesenktem Kopf.
„Josie, was immer in deinem Kopf vorgeht, vergiss es! Es war ein geiler Fick, zugegeben, und wenn dir danach ist, können wir das gern wiederholen. Herpes wäre auf jeden Fall wieder dabei. Aber alles andere läuft nicht. Freundschaft plus, mehr geht auf keinen Fall!“
„Aber ich dachte, dir hätte es auch gefallen.“
„Hat es auch. Ich hatte selten so eine enge, willige Fotze wie dich. Dich zu ficken war schon geil.“
„Aber dann könnten wir doch … ich meine, kann ich nicht bei dir wohnen? Thomas hat mich rausgeschmissen.“
„Drehst du jetzt ganz durch? Hier wohnen? Niemals! Vergiss es! Und wundert dich das, nachdem du ihm so schonungslos Hörner aufgesetzt hast? Hätte ich auch gemacht! Jetzt mach, dass du Land gewinnst, ich habe zu tun, wie du gerade gehört hast. Die Kleine ist gerade 17 geworden, die werde ich mir jetzt gönnen. Hau ab!“
Das Knallen der Tür erschreckte mich und brachte mich in die harte Realität zurück! Hatte ich dumme Gans wirklich angenommen, bei Sven landen zu können? Insgeheim hatte ich die stille Hoffnung nicht aufgegeben, bei ihm mit unserem sexuellen Spiel einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Wie sehr ich mich geirrt hatte, machte er mir schroff und nachhaltig deutlich.
Wie ein geprügelter Köter schlich ich nach der Abfuhr zu meinem Auto. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass sich die Welt um mich herum komplett gegen mich verschworen hatte. Sogar die Tauben im Park flogen fluchtartig auf, als ich mich mit hängenden Schultern über die Sandwege quälte. Tauben … das Ungeziefer der Lüfte, die, die sonst jeden Fußgänger belagerten und nach Brotkrümeln bettelten.
Meine Ellenbogen hatte ich auf den Knien abgestützt und mein Gesicht in meinen Händen vergraben. Die Parkbank wackelte bedenklich, so sehr wurde mein Körper von meinem Weinkrampf geschüttelt. Etwas Warmes legte sich auf meine Schulter, versuchte mir mit sanftem Massieren etwas Trost zu spenden.
„Bist du es, Josie?“
Die Stimme kannte ich irgendwoher. Wenn ich mich nicht ganz täuschte, gehörte sie jemanden, an den ich keine guten Erinnerungen hatte.
„Mensch Josie, tatsächlich, du bist es! Was für ein Zufall, dich hab ich ja lange nicht gesehen!“
„Nenn mich nicht Josie, dass dürfen nur gute Freunde.“
„Dann eben Josephina! Ich bin’s Chris, erkennst du mich nicht mehr?“
Langsam drehte ich meinen Kopf zur Seite und erkannte fast meinen alten Schulkollegen nicht wieder. Wie hatte er sich verändert. Weg war die dicke Nickelbrille, sein pickeliges Gesicht. Nicht mehr zu sehen von seinen ehemals dünnen Armen mit wenig Muskeln, seiner dürren, bohnenstangenähnlichen Gestalt und seinen dünnen Beinen. Nur sein eingedrehter Fuß und die eingeknickte Hüfte waren geblieben.
„Christian, du?“
„DU dürftest mich Chris nennen!“
„Schon ok, Christian! Was machst du hier?“
„Das sollte ich besser dich fragen Josephina, so verheult wie du aussiehst.“
„Geht dich nichts an!“
„Na gut, dann nicht! Falls du reden willst, hier ist meine Karte. Ruf an, wann immer du willst!“
„Passiert schon nicht! Trotzdem danke.“<br>
„Du siehst aus, als wenn du Hilfe nötig hättest, und ich könnte dir helfen. Ganz sicher, also trau dich ruhig!“.
Dann stand er von der Parkbank auf und verdeckte die Sonne.
„Wie willst du mir denn helfen, du Nerd! Du Freak mit deinen Computern.“
„Da gäbe es bestimmt einige Möglichkeiten. Aber wenn du nicht willst, dann eben nicht. Meine Karte hast du ja. Mach’s gut!“<br>
‚Chris Reichelt Programming‘ stand in fett gedruckten Lettern auf der Visitenkarte. ‚Programming‘, darunter konnte ich mir alles oder nichts vorstellen. Bestimmt hatte das was mit seinen dämlichen Computern zu tun, hinter denen er sich jeden Tag zurückgezogen hatte.

Früher, in der Schule, war seine Haut blass, weil so gut wie nie Sonnenlicht daran kam. Beim Sport wurde er ausgelacht, weil sein Körper keine Muskeln aufgebaut hatte. Alle Übungen, die in irgendeiner Form mit Kraft zu tun hatten, brach er erfolglos ab. Dazu seine Pubertätspickel, die bei ihm wesentlich länger als bei allen anderen das Gesicht verunzierten, seine Brille, die, mit den dicken Rändern und den Glasbausteinen darin, machten ihn zum absoluten Einzelgänger. Niemand wollte mit ihm zu tun haben, niemand unterhielt sich mit ihm und Menschentrauben gingen auseinander, wenn er dazu trat. Aber er war ein Genie in der Schule, besonders in Mathe. Da machte er sogar den Lehrern noch was vor. Er behauptete immer, er hätte so etwas wie eine Inselbegabung, was immer wieder johlendes Gelächter auslöste.

Alle, wirklich alle, machten Späße auf seine Kosten. Verarschten ihn wo immer sich eine Gelegenheit bot. Und ich dummes Kind machte mit, weil alle mitmachten. Ich folgte dem Gruppenzwang und streute noch mehr Salz in seine Wunden.
Eigentlich eine ziemlich arme Sau! Damals jedenfalls. Ich konnte mich seinerzeit nicht outen und eingestehen, dass ich ihn eigentlich ganz süß fand. Jetzt nicht zwingend körperlich, da gab es ne Menge wesentlich hübschere als ihn. Aber in seiner Art. Er war immer höflich und nett, gab immer gern Antworten, wenn man ihn fragte und half, wenn man mit einem Problem nicht weiterkam.
Ich konnte wirklich nichts Schlechtes über ihn sagen, und doch lachte ich ihn genauso aus, wie alle anderen. Heute würde man es als Mobbing einstufen, für uns war es damals ganz normal. Wie fies wir waren!
Heute denke ich ganz anders darüber, dennoch hatte ich ihn auf der Parkbank echt unfreundlich abgefertigt. Und er? War freundlich geblieben, wie schon immer.
Ich weiß heute nicht mehr warum, aber ich steckte seine Visitenkarte ein und versank wieder in meiner Niedergeschlagenheit. In den letzten zwei Wochen war mir sogar der Appetit vergangen. Alle Fettreserven waren aufgebraucht und am Bauch hatte sich sogar ein wenig labberige Haut gebildet. Fast fünf Kilo hatte ich schon verloren.

Mein Gesicht war eingefallen und ich fühlte mich schrecklich. Jeder Blick in den Spiegel erschreckte mich. Es machte mir Angst, wie sehr sich ein Körper unter Stress verändern konnte. Der Hungerstreik zehrte mich auf, aber auch die vielen schlaflosen Nächte trugen ihr Übriges dazu bei, dass ich wie ein Schatten meiner selbst aussah.
Hatten sich nicht alle um mich herum lange genug an mir gerächt? Könnte es nicht wieder etwas Glück in meinem Leben geben? Ein neuer Job, der mir wieder etwas Hoffnung geben könnte? Oder endlich der Bewilligungsbescheid meines Arbeitslosengeldes? Vielleicht die Aussicht auf eine neue Wohnung? Egal welche Baustelle ich anging, überall lief ich vor Wände. Es war wie verhext und ich drohte depressiv zu werden, oder Alkoholikerin, denn die Abende, an denen ich mir die Kante gab, häuften sich zum Leidwesen meiner Mutter.

****

Ich hatte die Taschen meiner Jeans leer gemacht, damit sie zusammen mit der anderen Dreckwäsche in den Waschkeller konnte. Dabei fiel mir die Visitenkarte wieder in die Hand ‚Chris Reichelt Programming‘. Nachdenklich fächelte ich mir mit dem kleinen Fetzen festem Papier Luft ins Gesicht. Wenigstens Herrn Google wollte ich zu dieser Karte befragen. ‚Spezielle Datenbankprogrammierung, Erstellen von Apps und Software aller Art.‘ Das passte zu ihm, genau sein Ding! Er hatte also tatsächlich seine Hochbegabung zum Beruf gemacht. Das auch noch ziemlich erfolgreich, wie es aussah. Knapp siebenzehn Millionen Euro Jahresumsatz bei einem Gewinn, vor Steuern, von gut zwölf Millionen, zeigte der Auszug aus dem Geschäftsbericht 2021. Und das mit 35 Angestellten. Nicht schlecht! Sein Firmensitz mitten in Berlin, direkt am Potsdamer Platz. Teurer ging es dann kaum noch! Jetzt leuchtete mir ein, warum er sich so sicher war, mir helfen zu können. Vielleicht hatte er tatsächlich die Möglichkeiten, mir mit einem neuen Job zu helfen.
Ich hatte mich auf’s Bett gelegt und mich mit dem Rücken an der Wand angelehnt. Die Visitenkarte in der Hand, die ich unruhig zwischen den Fingern herumdrehte. Was sollte ich ihm sagen? Er wäre ganz sicher der Letzte gewesen, dem ich mein Herz ausgeschüttet hätte, nach allem, was wir ihm in der Schule angetan hatten.
Ich hörte das Tuten im Handy und war rot geworden. Vor Aufregung, vor dem Gespräch, was ich führen wollte. Knallrot sogar! Mein Gesicht brannte vor Hitze, die in mir aufgestiegen war. Tuuut ..., Tuuut …, Tuuut …
Reichelt?!“
„Christian? Hier ist ...!“
„Chris … DU darfst mich bitte Chris nennen, und ich weiß genau, wer du bist! Josephina, stimmt’s?“, fällt er mir ins Wort.
„Ja, woher …?“
„Weil ich Chris bin, deshalb.“
„Du, es ist mir wirklich peinlich! Aber ich habe wirklich Probleme und wollte fragen …!“
„Ob ich dir helfen kann?“, ergänzt er wieder, was ich sagen wollte.
„Na ja, erstmal vielleicht reden? Außerdem muss ich mich für damals entschuldigen.“
„Geschenkt! Ich hatte schon von Anfang an gemerkt, dass du nur eine Mitläuferin warst. Weißt du, ich habe es mit mir machen lassen, weil ich keine Chance gegen euch alle hatte. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, wer der Drahtzieher war. Du warst es jedenfalls nicht.“
„Ist lange her, Chris. Trotzdem tut es mir leid. Wo und wann können wir uns treffen? Du bist bestimmt zeitlich knapp dran, oder?“
„Wie kommst du darauf?“
„Na ja, wo du doch jetzt so erfolgreich bist?“
„Du hast mich gegoogelt?“
„Ja! Ich war neugierig und nicht jeder hat seine eigenen Visitenkarten.“
„Hmm … stimmt! Wie hast du denn Zeit?“
„Ich bin arbeitslos. Das ist auch eines meiner Probleme. Hab also Zeit.“
„Ok verstehe, du hast also noch mehr Baustellen! Heute Abend schreibst du bitte einen Lebenslauf und suchst die letzten zwei Arbeitszeugnisse raus. Morgen kommst du um drei in den ‚Sandwerder 14‘ in Steglitz. Findest du hin?“
„Steglitz?“
„Ist das ein Problem für dich, Josephina?“
„Äähhmm … nein, finde ich schon. Aber was hast du letztens im Park gemacht? Ganz andere Ecke. Steglitz … krass.“
„Kundentermin! Nenne es Zufall oder göttliche Fügung für dich, dass wir uns da getroffen haben. Ich muss das jetzt leider abbrechen, muss noch los. Wir reden morgen, ok? Und du bringst alles mit!“
„Ja, mach ich, danke schon mal.“ Das ‚danke‘ hat er schon nicht mehr mitbekommen können. Das harte Klacken vom Auflegen war schneller. Seine Worte schwirrten in meinem Kopf herum. Sollte er wirklich helfen können und auch wollen? Mein Handy glitt mir aus der Hand und fiel mir in den Schoß. Der Hoffnungsschimmer schenkte mir ein paar Freudentränen. Mit neuem Mut wuchtete ich meine schlanken Beine aus dem Bett, klappte den Laptop auf und begann:

Lebenslauf … Josephina Schäfer, Altheider Straße 31, 12489 Berlin …

Die Arbeitszeugnisse waren auf meinem Drucker schnell kopiert und der Lebenslauf sah auch ganz ansehnlich aus. Nachdem alles in einer Klarsichthülle verstaut war, lehnte ich mich zufrieden zurück. Sollte das die Wende sein? Ausgerechnet Christian Reichelt mein Retter? Steglitz! Villenviertel. Jeder von den Anwohnern hatte mindestens ne Million auf dem Konto. Jedenfalls munkelte man das neidisch, wenn es um diesen Stadtteil ging. Aber warum wollte er, dass ich in diese noble Gegend komme? Wollte er mich mit dem Reichtum der anderen beeindrucken? Oder … nein! Das konnte nicht sein …! Er wird doch nicht selbst …?

****

Mein lieber Scholli, waren das Häuser. Was rede ich, nicht einfach Häuser, Villen, eine schöner als die andere. Prunkvoll mit hohen, kameraüberwachten Zäunen und kläffenden, angsteinflößenden Dobermännern, die vor den schmiedeeisernen Toren patrouillierten. Diejenigen, die hier wohnen durften und sich all den Luxus leisten konnten, für die war das Gewohnheit. Vielleicht sogar noch zu wenig Protz und Prunk nach außen hin. Für mich allerdings, war das über alle Maßen beeindruckend. Alles sah für mich nach übertriebener Verschwendung aus. Nutzlos, aber verdammt chic. Wahrscheinlich war das so, wenn man sonst alles hatte und nicht mehr wußte, wohin mit dem vielen Geld.

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