Die Frage ging uns allen durch den Kopf – wir hatten ja nicht alle denselben herzlichen Kontakt untereinander und erfuhren deshalb niemals alles – schon gar nicht das, was uns wirklich interessierte. Martin selbst sass da wie die personalisierte Unschuld – und notierte emsig mit. In den Pausen stand er aber oft allein in der Ecke; es war, als hätten wir Hemmungen, uns in der Öffentlichkeit zu Kontakten mit ihm zu bekennen. Er war ja unser heimlicher Kitzler. Er kannte unsere Körperreaktionen, unser Stöhnen, unser feuchtes Glitzern, unsere Brustwarzen, unsere Zungen und Lippen, unser Parfum. Er öffnete für sich unsere Seelen mit seiner umwerfenden Kitzeltechnik. In der kühlen Klassenzimmeratmosphäre war er aber nichts anderes als ein Unikum, ein Exote, der einzige Mann unter fünfundzwanzig Frauen. In Gedanken schweifte ich zu Andrea, der Andrea mit der Naturfigur, dem Megahintern und der Flaschenbodenbrille. Vor lauter Ehrgeiz hatte sie die Zunge zwischen die Lippen gepresst – sie wollte nichts, aber auch gar nichts verpassen zum Thema Natrium, Kalium und galvanisierende Bäder. Um Andrea würde Martin einen Bogen machen, dessen war ich mir sicher. Bestimmt war sie noch unberührt, die Süsse. Sie war, für sich genommen, genau so eine Exotin wie unser kollektiver Lover. Auch sie stand in den Pausen abseits und reinigte mit einem nicht fusselnden Tuch ihre Brille.
Noch nie hatten wir sie gefragt, ob sie uns zu unseren Discobesuchen begleiten würde – in der Annahme, dass sie eh Besseres zu tun hatte. Stricken, Plätten oder so. Jaja, die Andrea mit den enormen Formen. Eine Elli Pirelli der Krankenschwesternszene. Udo Lindenberg hätte seine helle Freude an ihr gehabt.
Andrea duschte zwei Mal täglich. Im geblümten Morgenrock, den sie wohl von ihrer Grossmutter zu Weihnachten erhallten hatte, wallte sie mit nassem Haar durch den Korridor und verschwand in ihrem Zimmer, wo sie sich ausgiebig pflegte.
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.