Knocked out

18 45-69 Minuten 1 Kommentar
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Yupag Chinasky

Vor ihr steht ein anderer Mann, zwar immer noch sehr kompakt und mit rosiger Gesichtsfarbe, aber jetzt mit dichten, schwarzen Haaren, einem Schnauzbart, dunklen, buschigen Augenbrauen und einer Hornbrille, die seinem Blick einen stechenden, bohrenden Ausdruck verleiht, jedenfalls ist darin nichts joviales und leutseliges. Der Name und die Adresse, die er auf das Anmeldeformular schreibt, sind nicht im Hotelcomputer verzeichnet. Für Madame ist die Kleidung ein wichtiger Wiedererkennungsfaktor, aber die hätte sie in diesem Fall vollends in die Irre geführt. Statt eines gediegenen, geschmackvoll gekleideten Seniors, dem man ansieht, dass er sich schlichte, aber teure Kleidung leisten kann, steht jetzt ein ziemlich heruntergekommenes Subjekt vor ihr, angetan mit einem alten Anorak, abgeschabten Cordhosen und dicken, klobigen Stiefeln. Er ist nicht schlicht, sondern einfach nur schlecht angezogen. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass das Hotel ausgebaucht sei. „Je suis désolé, monsieur, mais nous somme complet, totalement complet.“ Aber er hatte ja vorgebucht. Sie wird etwas versöhnlicher, als der Gast im Voraus bezahlt und ihr erklärt, er müsse am nächsten Morgen sehr früh weg, ohne Frühstück. Das sei für ihn kein Problem und für sie war es auch keins.

Er geht wieder in den Faisan d’or. Auch hier ein leicht zweifelnder Blick des Kellners, nicht weil er ihn wieder erkannt hätte, sondern weil er Zweifel hegte, dass dieser Gast überhaupt in der Lage sein würde, seine Rechnung zu bezahlen. Doch der Mann zerstreute diese Zweifel, weil er nur eine Suppe, einen Salat und ein Glas Wasser bestellt. Der schäbige Gast freut sich. Das war der zweite erfolgreiche Test. Als er das Lokal verlässt, schaut er auf die Parkbank auf der anderen Straßenseite. Sie ist leer, es wartet niemand. Er geht im Park spazieren. Er weiß, wo er hinwill, aber es ist noch zu früh. Dann geht er zum Hotel.

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schreibt Huldreich

Lieber Yupag Chinasky! Ihre Geschichte hat mir gefallen, samt dem Hinweis auf Stig Larrson's Lisbeth Salander, Danke sehr gut erzählt und spannend bis zum Schluß. Ich freu mich auf die nächste und grüsse Sie herzlich, Ulrich Hermann aus München

Gedichte auf den Leib geschrieben