Kopfkino in der Sauna

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Kopfkino in der Sauna

Kopfkino in der Sauna

Anita Isiris

Er verlor fast den Verstand, als er hinter ihr die Treppe hochging. Die Treppe führte zur gemischten, offenen Garderobe im neuen Einkaufszentrum, wo man nicht nur bunte Socken, Smartphone-Hüllen und Kopfsalat erwerben konnte, sondern für 30 Euro auch einen Nachmittag im Wellness-Bezirk. Wohin würde sich diese wundervoll anzusehende Frau mit dem ausladenden Jeanshintern begeben? Zum Fitness-Park? Hoffentlich nicht. Zum Spa? Hoffentlich nicht. In die Damensauna? Hoffentlich nicht. Sebastians Hoffnung schlug Purzelbäume, als Sophia den Garderobenschrank neben seinem in Beschlag nahm, sich bis auf die Unterwäsche auszog, sich ein buntes, grosses Badetuch um die Hüften schlang und entschlossenen Schrittes auf die gemischte Sauna zusteuerte. Er tat es ihr gleich, liess aber einen gebührenden Abstand zwischen ihr und ihm, um nicht aufdringlich zu wirken. Er war #metoo geprägt und ihm war sehr bewusst, was zahlreiche Frauen im Alltag durchmachten. Begab sich Frau aber allein in eine gemischte Sauna, konnte es ja gar nicht anders sein, als dass sich Männerblicke wie Tentakel an ihrem, sagen wir mal, nackten Rücken festsaugten. Und sie waren da, die Männer. Meist kaum von Käfern zu unterscheiden, standen sie mit ihren Streichholzbeinen, dem Megabauch und dem Silberhaarkranz unter der Dusche, hoffend, dass sich ein weibliches splitternacktes Wesen zu ihnen gesellte, das sich zum Beispiel die glatt rasierte Muschi einseifte. Rasch wurde ihm bewusst, warum die Männer es bevorzugten, unter der Dusche zu stehen statt in den einzelnen Dampf- und Naturbädern zu relaxen. Es ging um die Beleuchtung. Was nützt eine Frau, die mit angezogenen Beinen in einer dunklen Ecke sitzt, wo körperliche Details nur vermutet, erahnt, aber keinesfalls einer vertieften Analyse unterzogen werden können? Darum der ausgedehnte Aufenthalt der Käfermänner unter der Dusche.

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