Als er in dem kleinen Küstenort ankam, erfuhr er, dass sich ein ciclon, ein tropischer Wirbelsturm, auf die Stadt zu bewege. Am Abend des nächsten Tags begann der Regen. Es regnete in der Nacht und an den folgenden Tagen stundenlang und in Strömen. Heftige Böen peitschten durch die Straßen, die schwere Dünung des Meers schickte Wellen mit Schaumkronen an das Ufer, die sich an der Mole brachen. Die Gischt türmte sich auf der Uferstraße zu hohen Bergen, auch die meisten anderen Straßen waren menschenleer und manche wegen Überflutung unpassierbar. Auch die einzige Verbindungsstraße dieser abgelegenen Stadt mit dem Rest der Welt war blockiert. Man konnte die Stadt weder verlassen noch erreichen und auch alle anderen Verbindungen zur Außenwelt waren unterbrochen, das Telefon blieb stumm, das Handy fand kein Netz, das Internet war blockiert und selbst das Fernsehen war immer dann tot, wenn der Strom ausfiel und das geschah oft.
Das öffentliche Leben war zum Erliegen gekommen. Alle wichtigen Einrichtungen waren geschlossen, die Geschäfte, die Restaurants, die Cafés, die Banken, nichts war mehr zugänglich und auch Spaziergänge, Ausflüge, Besichtigungen oder gar Fahrten in die nähere Umgebung waren kaum möglich - all das konnte er vergessen, er war zum Nichtstun gezwungen. So saß er die meiste Zeit in seinem Zimmer, döste, schlief, lauschte dem Regen, der auf das Blechdach trommelte oder saß auf dem kleinen Balkon mit Blick in den endlosen Regen. Er hatte die kleine Pension wegen ihres Blicks von der Terrasse gewählt, den sie im Internet anpries, ein Blick auf die Uferpromenade, das lebhafte Treiben dort und weiter auf das Meer. Aber das Meer ahnte man mehr, als dass man es sah, weil sich die Sicht im rieselnden Grau des Regens verlor. Es machte sich jedoch unablässig durch das dumpfe Grollen der Dünung und die immer wieder aufspritzende Gischt bemerkbar. Er saß unter einem schützenden Wellblechdach und hatte genügend Zeit und Muße, um die Menschen in den umliegenden Häusern zu beobachten.
Liebe im ciclon
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