Der Liebesbaum

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Der Liebesbaum

Der Liebesbaum

Yupag Chinasky

Hastig steht er auf, geht die paar Schritte auf sie zu, fasst mit einer Hand um ihre Taille, mit der anderen fährt er über ihre Haut, streichelt ihr Gesicht, sucht unter dem T-Shirt ihren Busen, greift an ihren festen Hintern.

Sie schmiegt sich an ihn, schaut ihm in die Augen, begehrlich, verführerisch. Dann schließt sie die Augen und sie küssen sich inbrünstig und gierig wie Verdurstende, die endlich das ersehnte Wasser bekommen. Nun gibt es kein Halten mehr, sie streifen sich gegenseitig ihre Kleider ab, wälzen sich im Gras und lieben sich, lieben sich immer wieder und können nicht genug voneinander bekommen. Doch plötzlich, fast noch auf dem Höhepunkt seiner Lust, ist von einem Moment auf den anderen alles zu Ende. Das Mädchen löst sich hastig von ihm, steht auf, schlüpft in ihre verwaschene, zerlöcherte Unterhose, dann in den Rock, zieht das T-Shirt über, und verschwindet rasch in dem dichten Wald, ohne ein Wort, ohne eine Lächeln, ohne einen Abschiedsgruß. Doch er ist nicht enttäuscht, eine heitere, gelassene Stimmung nimmt den Platz der Ekstase ein, die ihn gerade noch geschüttelt hat. Er ist zufrieden und glücklich und immer noch verzaubert, denn er hat alles erreicht, was er erreichen konnte, alles erhalten, was zu geben, dieser wundersamen Erscheinung möglich war. Nur der Gedanke, dass er jetzt seinen magischen Liebesbaum endgültig verlassen müsse und ihn nie wiedersehen würde, trübt ein wenig seine Euphorie.

Denn er ist euphorisch an diesem Abend, euphorisch wie nie zuvor. Er sieht alles rosig, alles ist einfach, alle Probleme sind lösbar. Er ist „on the bright side of life“ nach diesem berauschenden, die Sinne verwirrenden Erlebnis. Hat es wirklich statt gefunden? Oder war es nur eine Halluzination, das Resultat eines intensiven Wunschdenkens, wie das imaginäre Bild der nackten Frau am ersten Abend unter dem Baum?

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