Der Liebesbaum

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Der Liebesbaum

Der Liebesbaum

Yupag Chinasky

Er wäre versucht, die Begegnung mit dem Mädchen in das Reich der Sinnestäuschung und der Träume zu schieben, wenn da nicht dieses kleine Muschelarmband wäre, das sich nun an seinem Arm befindet und das durchaus real ist.

Genauso real, genauso einmalig und gewaltig, jedoch in das pure Gegenteil verkehrt, ist die Nacht. Sie ist grässlich, unvergleichlich grausam, ein Besuch im Vorhof der Hölle, die elende Bestrafung eines Verdammten, die grausame Steinigung eines Kinderschänders. Ohne einen Hauch von Schlaf quält er sich durch diese Nacht und erwartet sehnsüchtig den ersten, hellen Schimmer am Horizont. Er ist der erste, der ungeduldig auf die Eröffnung des Frühstück wartet, der erste, der die gepackten Koffer vor die Tür stellt und der erste, der in den noch leeren Bus steigt. Nach und nach kommen die anderen Reisenden und der Bus füllt sich. Als alle ihre Plätze eingenommen haben, gibt eine junge Frau vom Management ein paar Erläuterungen über den Verlauf der Fahrt und das Einchecken am Flughaben, bedankt sich für den Aufenthalt der geschätzten Gäste und wünscht allen eine gute Reise. Der Bus setzt sich in Bewegung, fährt durch das große, bewachte Tor auf den Schotterweg, der zur Landstraße führt und dann auf dieser weiter in Richtung Flughafen. Nach zwei, drei Kilometern hält der Bus. Ein Dutzend Männer mit langen Stöcken blockiert die Straße und zwingt ihn zum Anhalten. Durch Trommeln mit ihren Stöcken an die Scheiben, zwingen sie den Fahrer, die Tür zu öffnen. Einer der Männer betritt den Bus, steigt die Stufen in den Mittelgang hoch, sieht sich um und schaut jeden einzelnen Fahrgast prüfend an. Unruhe macht sich breit. Was soll das, was wollen die? Ein Überfall, keine Frage. Bieten wir ihnen doch Geld an, dann werden sie schon wieder gehen, diese Wilden. „You want money? How much? We need go to airport!“ Das Primitivenglisch scheint der Mann entweder nicht zu verstehen oder er ignoriert die Fragen. Er sagt kein Wort, geht langsam den Gang entlang, schaut sich weiterhin um, schaut jedem Einzelnen ins Gesicht, auch ihm, dem Liebesabenteurer, der mit mulmigem Gefühl in einer der hinteren Reihen sitzt. Dann ruft er Mann etwas nach draußen und aus der Menge seiner Kumpane, die mittlerweile einen Halbkreis um die offene Tür gebildet haben, löst sich eine kleine, schlanke, schmale Gestalt und betritt den Bus. Es ist ein junges Mädchen, das junge Mädchen, er erkennt sie sofort wieder und sie ihn. Sie sagt ein paar Worte zu dem Hijacker und deutet mit ausgestreckter Hand auf ihn, nur auf ihn. Der Mann kommt auf ihn zu, ergreift wortlos seinen Arm und zieht ihn aus dem Bus. Der Fahrer rührt sich nicht, niemand rührt sich. Als sie auf der Straße stehen, rufen die Männer dem Fahrer ein paar Worte zu. Die Tür schließt sich, der Bus fährt davon. Er steht da, umringt von einem Dutzend finster schauender Gestalten. Das Mädchen ist verschwunden. Sie drängen ihn fort, fort von der Straße, hinein in den Urwald. Auf schmalen, dornengesäumten Trampelpfaden erreichen sie einen Hügel und die vertraute Lichtung, in deren Mitte der hohe, ebenmäßig gewachsene Baum mit seinen ausladenden, schattenspendenden Ästen und einer Borke, wie ein uralter Indianer. Sein Liebesbaum wartet auf ihn.

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