Der Liebesbaum

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Der Liebesbaum

Der Liebesbaum

Yupag Chinasky

Die Blätter dieses Riesen waren tiefgrün und lorbeerartig und er stand in voller Blüte, überall große, rosarote Blüten, deren abstehende Blütenblätter ihn an die bunten Plastikwindräder seiner Kindheit erinnerten. Auffallend war auch die dunkle, braun-rote Borke, zersplittert und zerfurcht wie das markante Gesicht eines uralten, weisen Indianers.

Fasziniert von seinem Anblick blieb er erst eine ganze Weile am Rand der Lichtung stehen und betrachtete den Baum. Dann trat er näher und ein betörender Duft nach Vanille und Zitrusfrüchten hüllte ihn ein und ein seltsames Zirpen und Rascheln, das wohl der Wind in den Blättern erzeugte, betäubte seine Ohren. Am Stamm angekommen, betastete er die auffallend weiche, torfartige Borke, bückte sich dann und hob ein paar abgefallene Blüten und Blätter auf, um sie genauer zu betrachten. Seine Stimmung, die auf dem Weg durch den Wald durch Neugier und Entdeckerfreude geprägt war, veränderte sich ganz langsam, ganz allmählich. Er freute sich, diesem Naturwunder begegnet zu sein und eine tiefe Ruhe, ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit, breitete sich in ihm aus. Es war mittlerweile bereits merklich dunkler geworden und bald würde die rabenschwarze Tropennacht den Heimweg beschwerlich machen. Es war Zeit, den Rückweg anzutreten, um zumindest auf dem gefährlichen Trampelpfad nicht bei völliger Dunkelheit gehen zu müssen. Doch seltsam, er rührte sich nicht. Er konnte nicht weggehen, selbst wenn er gewollt hätte. Er konnte sich von diesem Paradies aus Düften, Blüten, Zirpen und Rascheln einfach nicht lösen. Sein Wohlbefinden wurde noch zusätzlich gesteigert, weil mittlerweile eine angenehme Kühle auf der Lichtung herrschte und ein beständiger, sanfter Lufthauch aus dem umgebenden Wald seinen aufgeheizten Körper wohltuend umfächelte. Statt zu gehen, setzte er sich auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm und schloss die Augen.

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