Liebesferien auf dem Lande

oder: Warum es in der Provinz besser schmeckt

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Liebesferien auf dem Lande

Liebesferien auf dem Lande

Matthias von Schramm

Hinter den unsichtbaren Toren der Großstadt liegt erst einmal nichts. Nur unfreundliche Grüße aus dem Niemandsland. Dort erwuchsen Vorstädte aus denen Fuchs und Hase geflohen waren. Aus gutem Grund. Etwas weiter dahinter ist das Land. Dort hatte es mich nie hingezogen, nur zu den Ferien vielleicht und wenn ich mich mit ein paar gut durchtrainierten Freunden zum Survivaltraining durch die Büsche schlagen wollte.
Die Ortschaft hieß Südoberniedertalenberghausen und lag an einem See mit blauen Augen die heraussahen, wirklich sehr nett. Da gab es einen grünen Wald, üppiges Vielfarbenleben der Natur und Stroh bedeckte Holzhäuser aus denen kriegsversehrte zurückgekehrte Söhne harnten. Vor Glück. Ich kannte das alles nur von einem Prospekt der auf Mutters Spanplatteneßtisch für Ferien auf dem Bauernhof warb. Mehr Beachtung als meine visuelle Freude für die bunten Farben schenkte ich dem Prospekt nicht. Der Ort Südoberniedertalenberghausen tauchte nur durch Zufall wieder in meinem Leben auf. Ich hatte damals in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine verheiratete Geliebte, die Manon Stöver hieß und die sehr für das Land schwärmte. Sie suchte nach einem Ort bewußter Besinnung, an dem sie es besorgt haben wollte. Sie hatte ein Cabriolet und Mensch rollte das Niemandsland schichtweise auf. Die Sonne wärmte meine aufmerksam aufgetürmten Schlüsselbeine oberhalb meines T´s, während ihre glatten Haare mittellang im Winde flatterten.

Bahnhof

Sie mahnte lächelnd mein Verhalten an und es ging ihr gut. In Ordnung, ich nahm die verstaubten Turnschuhe von der Ablage oberhalb des Beifahrerairbags und hörte auf in der Nase zu popeln. Liebe ist ein seltsames Spiel: Ihre hagere Hand rührte dynamisch am Schaltknüppel und ich führte einen Erfrischungsbonbon nach dem nächsten zu ihren Lippen. Wir umkreisten einen Brunnen in der Mitte des Dorfes, welches wir mittlerweile erreicht hatten. Dieses Rondell, verkehrsberuhigte Kreisverkehrsinsel schien das Zentrum des Dorfes zu sein. Mein Hintern schliff scheinbar am Boden, als sie die Allee lang noch einmal tüchtig Gas gab um schließlich in der Pension einzukehren, wo uns die Wirtsleute bereits erwarteten. Die Wirtin war eine rundliche Dame um die fünfzig mit roten Wangen und aufgesprengten Lippen in einer markigen Kunststoffschürze. Sie wollte mit Tante Grete angesprochen werden. Sie wußte bescheid über alles, daß Stillschweigen, die Lippenvereinbarungen für ein diskretes Liebesnest und versuchte uns neutral zu betrachten. Ich denke sie mochte uns nicht. Manon Stöver, meine Geliebte lächelte trotzdem, sie war vor allem froh dort und in zweiter Linie dort mit mir zu sein.
Zur Begrüßung gab es Rundstück warm. Ein grandioser fast alleine schon satt machender Imbiß. Manon lief die Bratensoße vom Kinn und tropfte von dort aus fleißig liebevoll auf meinen Schoß. Das Stück Schweinebraten in dem Brötchen unter der würzigen braunen Soße hatte einen noch nie gekannten Saft. Ich verbiß mich verschlagen in das warme Fleisch, als sich uns der Wirt Sönke vorstellte. Riesig, sehr freundlich, kurze blonde Haare, eine fest strukturierte Wangenknochenlandschaft.
Er war Gretes Sohn und ein paar Jahre jünger wie wir. Neben seiner Kammer war ein großes Zimmer und dort hatte schon manche heimliche Liebelei stattgefunden. Wir sollten nichts fürchten. Ein Freundlicher aus festem Schrot und Korn. Um das Bett herum Salate von daheim und türkisches Fladenbrot, wie zum Picknick damals unter der Autobahnbrücke. Manon versuchte wieder einmal verzweifelt ihren Ehering vom Finger zu ziehen, als sie in schwarzer entzückender Unterwäsche vor dem Waschbecken stand und mit einem Stück Seife an sich herum rieb. Ich haßte diese Prozedur. Wie konnte Frau nur so katholisch sein!? Ich sah auf unser tägliches Büfett um dieses konstruierte Himmelbett. Frau Stöver verdrehte die Augen über mir und stöhnte bis die Fenster klirrten.
Danach Spaziergang durch das Dorf, sie hatte Verwandte hier. Die waren aber alle schon tot. Die enge Treppe durch das Bauernhaus hinab, ein freundlicher Gruß von Sönke und er lud uns zum Abend für ein Bier in seine Kammer ein. Wir sagten gerne zu. Die Hauptstraße war frei von Bettlern, dies war eine neue Lebenserfahrung. Es gab wohl Landstreicher hier, die ehemalige Stadtstreicher waren. Da das Land sozial für diese Schicht nicht sehr komfortabel war, mußten sie aus der Stadt ihre Brücken selbst mitnehmen um einen Platz zum Schlafen zu haben. Das war natürlich recht aufwendig und die Bezahlung der Spedition mit gewaltigen Sattelschleppern die pro Kilometer abrechneten mußte erst einmal geleistet sein. Da hieß es eine/n guten SteuerberaterIn zu haben. Die Luft war wunderbar. Manons Küsse schmeckten wie Milchkaffee aus französischen Schalen. Wir suchten einen adäquaten Platz hinter dem Friedhof, bevor wir ihn frequentieren wollten um dort Manons Verwandtschaft einen ungefährlichen Kaffeebesuch abzustatten. Hinter der Mauer waren zwei bis drei Büsche, von dort aus freier Blick zum See. Draußen in der Natur war die nackte Frau Stöver noch schöner.
Sie zeigte mir zwei Gräber. Oma und Opa und Onkel und Großtante. ICH SPÜRE DAS SIE HIER SIND, sagte sie mit heller bewegter Stimme. ICH SPÜRE DASS IHRE VERFAULTEN LEBLOSEN LEIBER LÄNGST VON WÜRMERN ZERFRESSEN SIND!, sagte ich. Ich hatte nicht ein grundsätzliches Problem mit Verwandtschaft, aber ich hatte immer noch diese natürliche Aggression gegen alles was mich inhaltlich aufhielt. Manon war am Nachmittag deshalb etwas beleidigt, ich solle halt nicht immer so politisch korrekt sein. Sie hatte ja auch recht, denn wir machten gerade Ferien. Der Nachbarort Groß-Südoberniedertalenberghausen war für Städter geschlossen, da hatte die soziale Abgrenzung noch funktioniert. Dort gab es noch einen richtigen Festplatz auf dem ein juristisch freier Raum stattfand. Zu Fremden redete mensch nicht gerne darüber.
Immerhin stand da der Galgen und niemand wußte so recht, ob dieser noch benutzt wurde.
Bevor es Abend wurde, machten wir uns noch zurecht für den Besuch drüben bei Sönke. Manon püsterte sich ein, sah mit den hellen Seeaugen froh aus dem Fenster.
Ich gab noch einmal was ich konnte, bevor wir sportlich in unsere Arme fielen. Sönke hatte einen Anzug angelegt. Seine Mutter hatte eine gewaltige Gemüseplatte zurecht gemacht. Die kleinen Würstchen dazu waren fest und knackig. Ich hielt mir den Bauch, hätte aber vor Lust das dreifache essen können. Über seinem Schreibtisch neben einer Weltkarte eine Pinnwand mit siebzehn Porträts von jungen Landfrauen. Alles ehemalige Freundinnen von Sönke. Ich beneidete ihn. In meinen Kreisen der Großstadt wäre ich für diese Zur Schau Stellung geächtet worden.
Ach das Bier schmeckte herrlich. Wollte Manon satt küssen. Die lächelte nun eher verkniffen, fand das mit den siebzehn Landfrauen etwas anrüchig. Trotzdem wollte ich nicht aus dem Raum gehen, denn ich traute weder Sönke noch Frau Stöver.
Ein würziger Geruch kam durch das Fenster hinein. Sönke schnürte einen schweren Rucksack und sagte: SCHNELL. WIR MÜSSEN LOS. WALDBRAND. Ja es schien auch auf einmal eine ganz andere Wärme in der Luft zu liegen. Frau Stöver zog sich ein seidenes Kopftuch über. Sönke erklärte mir das nun alle aus den Ställen das Schlachtvieh holten und damit zum Wald gingen, um es dort zu grillen. Dies wäre immer ein großes Fest und es würde halt von der Natur oder von Brandstifterfreunden bestimmt. Das gäbe dann eine große Gaudi mit spontan aufgestellten Ständen und Freßbuden. Es war eingeführt worden da es in dieser Gegend keine rechte Tradition für ein eigenes Volksfest gibt. Ich sah Sönke ein wenig verschmitzt an und sagte: KÖNNEN WIR NOCH MAL ... ? Sönke nickte freundlich lächelnd, gerade er hatte ja Verständnis. Manon hatte zunächst nicht so rechte Lust, ich konnte sie aber doch noch mal überreden.
Anschließend sagte ich zu ihr: DU ICH GLAUBE ICH WERDE AUF DEM WALDBRANDFEST NUR EINE KLEINIGKEIT ZU MIR NEHMEN. ACH LASS UNS DOCH HIER BLEIBEN, ES IST GERADE SO GEMÜTLICH, forderten ihre schönen Augen.


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