Lina! Was musste sie erduldet haben?
This war nun allein auf der Welt. Der Weg ohne Truppenbegleitung zurück über den Simplon war brandgefährlich. Da hätte er sich gleich den berittenen Soldaten ausliefern können. So zog er sich in den Wald zurück, wo er sich mit Pilzen und Kleinwild bestens auskannte. Immer tiefer drang er ins Gehölz, so weit, bis er Dutzende von Kilometern vom zerstörten Hof entfernt war und sich in Sicherheit wähnte. Er vernahm das silberhelle Plätschern eines kleinen Flusses und wusste, dass er die nächsten Monate wohl hier verbringen würde. Es war Frühsommer, und bis im Spätherbst würde er es aushalten können. Er trug Baumrinde, Äste und Laub zusammen und baute sich notdürftig eine Hütte. Wenig später erlegte er den ersten Luchs. Das Fleisch, das er röstete, schmeckte zwar etwas bitter, war aber eine Festmahlzeit verglichen mit dem, womit er sich in den letzten Wochen in Linos Truppe ernährt hatte. Waldbeeren zur Nachspeise, und This war schon fast ein wenig glücklich. Zwischendurch dachte er noch an seine flüchtige Begegnung mit Lina, dem Bauernmädchen, aber sie schien ihm weit weg, so, als hätte er sie sich nur erträumt.
«Waldmann», pulsierte es in seinem Kopf. «Ich bin ein Waldmann».
Die Monate vergingen, und die Einsamkeit begann für This zur Belastung zu werden. Er führte Selbstgespräche und ging einmal sogar so weit, ein Eichhörnchen einzufangen und in einen vorbereiteten Holzkäfig zu sperren, nur damit er jemanden zum Reden hatte. Zwei Tage später war das Eichhörnchen tot. Ende Oktober machte sich This zu seiner ersten grösseren Exkursion auf. Der Krieg war doch jetzt bestimmt vorüber, selbst als Lino und seine Truppe noch gelebt hatten, war er ja dem Ende zugegangen. Es war totenstill. Von Ferne machte sich ein Specht bemerkbar, und This war fasziniert von den Riesenfarnen, die seinen Weg säumten.
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