Lisa, die Dachdeckerin

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Lisa, die Dachdeckerin

Lisa, die Dachdeckerin

Anita Isiris

Samir Abgottspon, der Familienvater. Lisas güldener Zopf diente ihm als eine Art Halteleine, und Lisa schrie und stöhnte, während sie mitten auf dem Dach des Einfamilienhauses gevögelt wurde.

„Faserzementziegel“, keuchte Lisa.
„“Naturschiefer“, echote Samir Abgottspon.

Dass sich unten im Garten eine Menschentraube bildete, merkten die beiden nicht. Dass jemand eine Drohne zu ihnen hoch sandte, die das kopulierende Pärchen aus sämtlichen Perspektiven filmte, auch nicht. Das Paar war ein Herz und eine Seele, und hätten sie um das Interesse der Menschen unter ihnen gewusst, bei Gott, sie hätten wohl trotzdem weiter gemacht. Dann lösten sich drei Ziegel. Nun schrie auch Samir Abgottspon. Bis zur Dachrinne stürzten die beiden, und jetzt sahen sie die vielen Leute unten im Garten. Lisa meinte sogar, die eine oder andere Kamera, das eine oder andere Fernrohr zu orten. Die meisten Walliser sind Gemsenjäger, darum hat jeder von ihnen in seinem Besenschank ein Fernrohr stehen.

Lisa verlor nach diesem aufregenden, etwas aus dem Gleichgewicht geratenen Event ihren Ausbildungsplatz nicht, im Gegenteil. Ganze Legionen von Kunden projizierten ihre Fantasien auf sie, aber, #metoo entsprechend, verzichteten sie auf anzügliche Sprüche. Lisas nicht unfreiwillige Berühmtheit führte dazu, dass ihr Betrieb von noch mehr Aufträgen überschüttet wurde.

Und Samir Abgottspon? Seine Frau verliess ihn umgehend, was in derartigen Fällen nicht weiter erstaunt. Aber der arme Kerl musste sein Haus verpfänden, weil die grosse Schweizer Bank, bei der er arbeitete, kein Nachsehen hatte. „Reputation“, sagte man ihm. „Reputation“.

Als ob ein hilfloser, nackt in einer Dachrinne hängender Mann die ohnehin kaum vorhandene Reputation einer Schweizer Bank mindern könnte.

Auf steilen Dächern wie eine Bergsteigerin.
Geneigte Dächer deckend.
Ton- Metall- Naturschiefer. Faserzementziegel. Was für ein Wort, was für eine Lust. Faserzementziegel.
Dampfsperren bauend. Wärmedämmung.
Draussen soll die Wärme bleiben – im Sommer.

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