Lisa, die Dachdeckerin

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Lisa, die Dachdeckerin

Lisa, die Dachdeckerin

Anita Isiris

Lisa wollte schon immer hoch hinaus – bereits als kleines Mädchen. Am liebsten hielt sie sich in ihrem Boskop-Apfelbaum auf, zwischen schützenden Blättern, gut versteckt und gleichzeitig alles sehend. Lisas Schwester Julie war das absolute Gegenteil. Hätte sich im Haus, in dem die beiden aufgewachsen waren, die Gelegenheit ergeben, Julie wäre gewiss in den Leseraum im Keller entschwunden, hätte sich verschanzt und sich unentwegt, bei Neonlicht, in Schmöker vertieft. Das unentwegte Lesen war es wohl, dass ihr bereits im zarten Alter von 16 Jahren die erste Brille eingetragen hatte.

Später, als gut gebaute, sportliche junge Frau, gab es für Lisa nur noch ein einziges Streben: Sie wollte Dachdeckerin werden. „Ach Gottchen, da kann man ja runterfallen“. Solche Bemerkungen, von ihrer hochbetagten Grossmutter etwa, tat Lisa mit einem liebevollen, aber entschiedenen Winken ab. „Wir sind gesichert, wie Bergsteigerinnen“. „Wir“. Von allem Anfang an fühlte Lisa sich der Dachdeckerinnenzunft zugehörig.

Auf steilen Dächern wie eine Bergsteigerin.
Geneigte Dächer deckend.
Ton- Metall- Naturschiefer. Faserzementziegel. Was für ein Wort, was für eine Lust. Faserzementziegel.
Dampfsperren bauend. Wärmedämmung.
Draussen soll die Wärme bleiben – im Sommer.
Drinnen soll die Wärme bleiben – im Winter.

Was sich hier wie Poetry Slam liest, waren die Begriffe, die ständig in Lisas Kopf umherkullerten. Endlich war es so weit, und Lisa trat die anspruchsvolle Ausbildung an, die sie unentbehrlich machen würde. Nun war Lisa eine Frau, die gerne sehr enge Kleidung trug. „Noch in nacktem Zustand würdest Du weniger zeigen von Dir“, sagte ihr Freund Timo immer wieder. Dabei spielte er auf Lisas gut sichtbaren Camel Toe an, der ihr in den grauen Leggings, die sie meistens trug, in ihrer Mitte zur Zierde gereichte.

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