Dann klingelte Mariangelas Handy. Freudig erregt grüsste sie ihren kleinen Sohn, der sich aus dem Lager meldete, in dem er nun die nächsten Wochen verbringen würde. „Alles gut, Mama“, sagte er, „mir gefällt es hier, und wir haben genügend zu Essen. Es hat einen grossen Keller mit Apfelmus und Raviolibüchsen.“ Mariangela seufzte. Ihr geliebter Sohn, eigentlich, wie sie, locked down, eingesperrt. Aber er war unter seinen Kollegen und wurde von sympathischen Lagerleiterinnen betreut. Eine Welle der Eifersucht brandete in Mariangela hoch, was auch mit ihrem italienischen Gemüt zu tun hatte. Niemand durfte ihr den Sohn wegnehmen. Niemand!
Sie legte das Handy auf den Klubtisch und wandte sich lächelnd Marco zu, der es tunlichst vermied, sie anzustarren. „Und was nun?“, fragte sie. „Das Telefon“, sagte er. „Ich muss doch… mit meiner Familie…“
„Gar nichts musst Du, mein Lieber“, wiederholte sich Mariangela, trat auf ihn zu und strich ihm über die Schulter. „Setz Dich hin, schliess die Augen und warte, bis ich Dich rufe.“ Geräuschlos verschwand Mariangela im Badezimmer, schloss die Tür und liess Badewasser in die Wanne. Sie summte leise vor sich hin und schüttete eine wohlduftende Essenz, Sandelholz, dazu. Als es ihr schien, dass das Wasser gut temperiert war, stand sie vor den Spiegel und richtete ihr Haar. Sollte sie das, was ihr vorschwebte, wirklich tun? Sollte sie ihren langjährigen Kollegen zu einem gemeinsamen Bad verführen? Wie er wohl reagieren würde? Konnte es das geben? Ein kollegiales gemeinsames Bad, während draussen die Welt unterging? Bei diesem Gedanken verspürte Mariangela ein angenehmes Kribbeln im Bauch, öffnete die Tür und kletterte in die Wanne.
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