Die Locke

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Die Locke

Die Locke

Rena Larf

Die Stadt war heiß und voller Menschen.
Der Sommer war zurückgekehrt und zeigte sich mit strahlendblauem Himmel und goldgelbem Sonnenball von seiner besten Seite.
Sie kam vom Einkaufen und warf mir gegenüber im Bistro ihre Einkaufstüten über den kleinen weißen Stuhl und ließ sich sachte auf den anderen gleiten.
Ihre Bewegungen waren träge und langsam. Sie schien erschöpft und eine kleine Locke ihres kastanienbraunen Haares wippte vorwitzig in die Stirn.
Mit einer ungeheuer zärtlichen Geste strich sie sie zur Seite und legte sie in einer kreisenden Bewegung um ihr Ohr.
Ich hatte mein Buch die ganze Zeit geöffnet auf meinem Schoß liegen, konnte aber nicht weiter lesen, weil ich von ihrem Anblick fasziniert war. Ein Geruch von Roma hing in der Luft.
Der kurze Sommerrock saß wie eine zweite Haut an ihren wohlgeformten Schenkeln und ließ ungeahnte Sehnsüchte nach Berührung in mir aufsteigen.
Die Art, wie sie trank, weckte Begierden in mir, die ich lange ganz tief in meinem Innern verschlossen glaubte. Vor lauter Arbeit vergaß ich ab und an, dass das Leben lodernde Momente der Verführung bereit hielt, für denjenigen, der ihre Flüchtigkeit wahrzunehmen verstand. So schnell wie sie erschienen war, huschte ihre anmutige Gestalt mitsamt Einkaufstüten von dannen. Den Bruchteil einer Sekunde überlegte ich, ob ich einer Fata Morgana aufgesessen war. Kaum verwunderlich bei fast 35 Grad im Schatten. Und die flimmernde Mittagsglut hing in den Straßen der Stadt und steigerte das Lustempfinden fast bis ins Unerträgliche.
Mit verschwitztem Hemd und leicht gelöster Krawatte kam ich von der Mittagspause zurück ins Büro.
Die neue Abteilungsleiterin sollte heute aus der Zentrale kommen und vorgestellt werden.
Punkt 14:30 versammelten sich alle Mitarbeiter im Meetingraum.
Als ein Hauch eines bestimmten Parfums meine Nasenflügel streifte und der enge Rock um die Ecke bog, hob ich langsam den Kopf und für einen Moment huschte ein Erkennen durch ihre Iris.
Als sie mir die Hand zur Begrüßung reichte, fiel die kleine Locke wieder vorwitzig in die Stirn und bevor ich wusste, was ich tat, eilte meine Hand sachte nach vorn und strich ihr die Strähne hinter das Ohr...

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