Loslassen mit dir

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Loslassen mit dir

Loslassen mit dir

Chloé d'Aubigné

Manchmal frage ich mich, wie ihre Zunge heute schmecken würde, ob sie immer noch so behutsam beginnt und dann mutiger wird.
„Ja“, sage ich nur. „Ich weiß es. Damals hast du losgelassen.“
„Ja“, flüstert sie, „und manchmal frage ich mich, wie es jetzt wäre. Zwischen uns. Ob wir noch ab und zu den Alltag vergessen könnten.“
Ich spüre, wie meine Finger das Glas fester umklammern, als müsste ich meine Hand davon abhalten, tiefer zu rutschen. „Warum fragst du dich das jetzt?“
„Weil ich neugierig bin. Vielleicht auch, weil ich mich so oft einsam fühle. Nicht gesehen. Und seit gestern, weil ich wieder jemandem so bedingungslos vertrauen will. Weil ich es ausprobieren will – dieses … Spiel.“
„Du meinst …?“
„Also, vielleicht. Nur ein bisschen. Ganz vorsichtig. So wie früher. Einfach schauen, wie es sich anfühlt. Und dabei in Sicherheit sein. Jemandem vollends zu vertrauen.“
Ihre Stimme ist leise, aber ich erkenne die Entschlossenheit darin. Etwas in meinem Unterbauch zieht sich zusammen. Ich frage leise nach, nur weil ich die Antwort hören will: „Und wem kannst du immer vertrauen?“
„Dir.“
Ein einziges Wort, das meinen ruhigen Abend vollends auf den Kopf stellt. Das meinen Puls beschleunigt. Das dazu führt, dass ich feucht werde, ohne dass mich jemand berührt.
Danach wechseln wir das Thema, reden wieder über Alltägliches. Doch ich kann mich nicht konzentrieren. Sie wohl auch nicht. Daher beenden wir das Telefonat früher als üblich. Und doch, die Verbindung zwischen uns, die bleibt bestehen.
Die nächsten Tage fühle ich mich ein wenig wie in Watte gepackt. Ich erledige meine Arbeit, treffe Menschen, rede über Belangloses – aber irgendwo in mir läuft ein anderer Film. Immer, wenn ich zur Ruhe komme, ist ihr Gesicht da. Ihre Lippen, ihre Hände. Die Frage, was ich nun tun soll. Und wann.

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