Loslassen mit dir

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Chloé d'Aubigné

Das Telefon klingelt genau in dem Moment, als ich mich auf die Couch sinken lasse. Es ist, als läutete es meinen Abend wortwörtlich ein. Ich muss nicht aufs Display schauen, um zu wissen, dass es Anne ist. Nur sie schafft es, genau zu spüren, wann ich Zeit habe, mit ihr zu reden.
„Hey du“, sagt sie, und ihre Energie ist durch das Telefon förmlich körperlich spürbar. Ihre Stimme hat sich über die Jahre nicht geändert – warm, lebendig, mit dieser leichten Reibung, die ich schon als Mädchen mochte, als wir noch über das Festnetz telefoniert haben und unsere Eltern sich über die von uns verursachten hohen Telefonrechnungen beklagten.
„Ich wollte nur kurz Hallo sagen“, fügt sie hinzu. „Und hören, wie’s dir geht.“
Ihre übliche Einleitung – eine, die meistens zu Gesprächen führt, in denen wir die Zeit vergessen.
Ich lasse mich tiefer in die Couch sinken, halte das Glas Wein in der Hand und spiele mit dem kühlen Rand. „Mir geht’s gut. Viel Arbeit, du kennst das. Und dir? Also: euch?“
„Ach, Jakob arbeitet zu viel. Ich sehe ihn kaum noch. Du weißt ja, Karriere ist ihm wichtig.“ Sie lacht kurz und erzählt länger, was er aktuell alles erreicht. Und dass es ihr eigentlich egal ist. Sie ist mit ihrem Leben zufrieden – und vor allem mit der Freizeit, die sie hat.
Doch dann höre ich ein leichtes Zögern in ihrer Stimme, sie wird etwas heiser, als sie weiterspricht: „Gestern Abend haben wir einen Film geschaut. Also … angefangen zu schauen.“
„Welchen?“
„Fifty Shades of Grey.“ Sie senkt die Stimme, als würde sie ein Geständnis machen.
Ich lächle. „Den kenn ich. Ist schon ein paar Jahre her. Aber warum denn nur angefangen? Fand er es zu inspirierend?“
Ich weiß noch genau, wie es war, als ich ihn damals sah. Da war dieses Kribbeln, dieses heimliche Rotwerden, das tiefer ging, als ich mir eingestehen wollte.

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