Lotti

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Lotti

Lotti

Wolfgang A. Gogolin

Meine Eigentümerin heißt Lotti. Sie ist rothaarig und ihre Rundungen sind vielversprechend. Mir ist bekannt, dass sie keine echte Rothaarige ist. Ich schweige aber über den Ursprung meines Wissens, denn Diskretion ist in meinem Beruf alles.
Lotti hat mich vor einem Vierteljahr in ihren Dienst gestellt. Wir sahen uns das erste Mal in der Adler-Apotheke. Sie hat mir gleich gefallen, so schüchtern und verschämt, wie sie war.
Besonders ihr süßes Stupsnäschen. Wenn sie lächelt, geht die Sonne auf. Ihr Parfum ist von der eleganten, teuren Sorte und wird gelegentlich in wohldosierten Mengen eingesetzt. Immer dann, wenn ein Mensch männlichen Geschlechts sie zum Essen einlädt.
Heute ist so ein Tag. Ich rieche es schon.
Lottis Parfum lässt viel Vanille und ein wenig Moschus erahnen. Auch reife Sommererdbeeren.
In meinen Kreisen wurde früher nie Aroma verwendet, um sich interessanter zu machen. Heutzutage ist das anders. Man aromatisiert sich, alles muss gut duften und zur Not auch schmecken. Erdbeere, Vanille, ich warte nur noch auf die Variante „Eisbein mit Sauerkraut“. Ein Geschmack, der zum kräftigen zubeißen animiert.
Aus meiner konservativen Sicht - zu vulgär. Wir vom Fach sollten es beim Bewährten lassen. Aber bei Lotti duftet Sommererdbeere einfach köstlich.
Meine Eigentümerin hat sich in ihren engen Kampfanzug gezwängt. Ein schwarzes Etuikleid aus Samt mit gewagtem Ausschnitt. Ihre beiden Vorzüge kommen hervorragend zur Geltung. Sie sind wohlproportioniert und wippen beim Gehen einladend.
Wirklich Bezaubernd.
Als wir vor zwei Wochen auf Männerfang waren, hat sie mich sogar zwischen ihren zwei Vorzügen eingeklemmt. Ich sollte schnell und praktisch erreichbar sein. Wunderbar weich und warm lag ich da, so stelle ich mir das Paradies vor.
Lotti atmete schnell wie ein aufgeregtes Vögelchen. Von meiner Position aus hätte ich sogar ihren Biorhythmus ermitteln können.
An diesen Abend kam ich nicht zum Einsatz: Der Auserwählte war Arzt von Beruf, sein Handy klingelte erbarmungslos und rief ihn zu einem Notfall.
Schluss mit dem schnellen Atmen. Und ich wurde wutentbrannt vom Paradies in das anthrazitfarbene Abendtäschchen gequetscht, neben Kamm und Kugelschreiber.
Ach, Lotti, dieser Abend machte Dich selbst zu einem Notfall. Bäche von Tränen ergossen sich über dein Gesicht. Mir war zwar bekannt, dass Menschen über Körperflüssigkeit verfügen, aber über die Menge war ich mir nicht im Klaren.
Im letzten Vierteljahr haben wir viele unnütze Verabredungen hinter uns gebracht. Jedes Mal glitzerten Deine Augen am Anfang. Dann ging irgend etwas schief und deine großen, wunderschönen Rehaugen drohten in salziger Nässe davon zu schwimmen.
Wir hatten viele schlechte Tage miteinander. Aber auch ein paar gute.
Erinnerst Du dich noch an den Mann mit dem Sprachfehler, seines Zeichens Elektriker?
Er stotterte unerträglich, aber wenn er richtig in Fahrt kam, wurden seine Aussetzer immer weniger. Es reichte sogar für einen oder zwei Sätze ohne Unterbrechung.
Der war ein ganz forscher, unser Kurzschlussbauer. Ich brauchte Dir noch nicht einmal zu helfen. Er hatte vorausschauend geplant und nahm die Hilfe eines billigen Kollegen von mir in Anspruch.
Zum Schluss erst hat er dir stotternd gestanden, dass er verheiratet ist. Ich frage mich bis heute, ob sich sein Sprachfehler ausgeweitet hat, nachdem Du ihm eine geknallt hast.
Ach, Lotti, ich liebe Dich. Du kannst ein richtiges Feuerköpfchen sein und siehst wütend einfach hinreißend aus.
Heute wollen wir versuchen, alles richtig zu machen. Unser Handy-Akademiker hat einen zweiten Versuch. Nicht, das ich glaube, er wäre gut genug für Dich.
Aber mein Herz blutet, wenn Dein Herz blutet. Du suchst einen Mann für die gemeinsame Zukunft und ich werde Dir beistehen, so gut ich nur kann. Auch, wenn ich einen hohen Preis dafür zu zahlen habe.
Hoffentlich hat Dein Verehrer diesmal sein Telefon ausgeschaltet.
Ja, ja, ich sehe es ein: Er hat einen Doktortitel, einen sicheren Arbeitsplatz und ist kein geldknapper Jüngling. Als Paarungsmännchen bestimmt ideal. Dafür labert er langweilig und tanzt wie ein Bauer. Sein Balzritual ist wirklich zum Abgewöhnen.
Lotti, Du bist doch willig und abschleppreif. Aber der Tölpel muss blind sein und merkt es nicht.
Alexander heißt er, aber ein Großer ist er nicht und ein Eroberer auch nicht. Ob Eltern wissen, welch' unpassende Namen sie ihren Kinder geben?
Kleingeist, das wäre ein guter Name für ihn.
Nun gut, soviel Zeit muss sein: Herr Doktor Kleingeist.
Aber wer sagt's denn, Doktor Kleingeist bringt Dir wenigstens Blumen zum Rendezvous mit. Gelbe Tulpen. Einen dunklen, edlen Zwirn mit Nadelstreifen hat er auch übergeworfen. Da hat die Mutti hat ihn aber fein gemacht!
Seine Absichten hätte er sich auch gleich auf die Stirn schreiben können. Was er heute mit Dir vorhat, macht seine Geruchskulisse überdeutlich klar. Das scharfe Rasierwasser ist bestimmt auch von Mutti. Sicher hat der Doktor heute gebadet. Obwohl kein Samstag ist.
Lotti, Du siehst heute bezaubernd aus. Dein lockender Schmollmund verursacht bei mir ein leises Knistern. Die Lippenstiftfarbe heißt Septemberwind.
Ich darf heute wieder bei Dir sein, mein Zuhause ist dein kleines Silberbeutelchen. Ein guter Platz für mich, er bietet freie Sicht durch die Pailletten.
Doktor Kleingeist hat ein Restaurant der Luxusklasse ausgewählt. Mit romantischen Blick auf die See. Ich denke, Du bist auf Erfolgskurs, Lotti. Er bestellt mit ungeschickter, aber gewollt großer Geste eine Magnumflasche Champagner und Kaviar auf Blinis. Hoffentlich setzt sein Kreditkartenunternehmen einen Killer auf ihn an.
Deine Lippen berühren vorsichtig das Glas, du lächelst strahlend und ich ertappe mich bei dem Wunsch, dass diese Lippen mich einmal umschmeicheln könnten. Ich werde mit meinen unerfüllten Sehnsüchten noch vertrocknen.
Es ist unglaublich, wie viele Stunden ein Abend bei Kerzenschein dauern kann.
Mittlerweile bin ich schon zerknautscht und mag diesem langweiligen Präludium nicht mehr zuhören.
Nach Mitternacht wird Alexander plötzlich richtig witzig. Er fragt Dich glatt, ob Du zuhause noch einen Kaffee für ihn hättest.
Einen Kaffee ?
Junge, sie hat viel mehr zu bieten als nur Kaffee. Die Kleine ist so heiß, dass sie im Regen zischen würde.
Lotti, lass' es nicht dazu kommen, dass wir uns jetzt trennen müssen. Nicht wegen eines kaviarschluckenden Bauerntölpels.
Ich weiß, meine Stunde ist gekommen. Die Zeichen mehren sich: Du hast ihm gesagt, Du willst Dir nur die Nase pudern gehen. Doch jetzt liege ich wieder diskret zwischen deinen warmen weichen Brüsten. Gleich kommt mein großer Auftritt.
Erstaunlich, dass Menschen sich immer im Halbdunkeln abkämpfen müssen, bevor sie zur Sache kommen. Erst den einen Reißverschluss suchen und öffnen, dann den anderen Reißverschluss suchen und öffnen. Ein Knöpfchen hier und eines da. Schnell atmen, leise Sauereien flüstern. Sich küssen und wälzen. Zur Abwechslung wieder wälzen und küssen.
Igitt, er hat Dir gerade zwischen die Brüste geküsst und mich dabei getroffen. Ist ja widerlich!

Lotti - nicht! Tu es nicht!

Oh, das ist schön. Frische Luft zum atmen. Du hast mir die Freiheit gegeben. Ich bin bereit. Meine Profession ist nicht nur Beruf, sondern Berufung. Ich schütze dich.
Ich spüre deine spitzen Fingernägel. Sie sind rotlackiert, hart und scharfkantig.
Pass auf mich auf, Lotti. Ich bin ziemlich sensitiv und dünnhäutig. Wenn Du mich piekst, ist es aus mit Deiner Freiheit. Für mindestens 18 Jahre.
Mein weiterer Werdegang ist besiegelt. Ich werde meinen Mann stehen und am Ende werde ich auf Nimmerwiedersehen im Nirwana-Kreisel der Toilettenspülung verschwinden.
Lotti, Du warst meine einzige Liebe. Ich bin einen langen Weg mit Dir gegangen.
Ich liebe Dein Lachen und Dein Verlangen. Manchmal hast Du dich sogar nach mir gesehnt,
wenn Du wolltest, dass ich ganz nah bei dir bin und dich beschütze.
Meine Liebe, wir werden uns nicht wiedersehen. Aber vielleicht gibt es für mich ein recyletes Leben danach. Als Massagerät oder Parkbank. Wer weiß das schon.
Aber in diesem Moment, in voller Pracht vor dir stehend, habe ich noch einen letzten Wunsch an Dich. Ich möchte, dass du mich ein einziges Mal mit Deinen wunderschönen Lippen berührst. Ich träume vom Septemberwind, er bläst so schön...
Oh, nein Lotti, aus mit meinem Traum!
Verdammt! Du hast mich mit Deinem Fingernagel beschädigt! War das Zufall oder Absicht mit Zukunftsaussicht? Wenn es ein Junge wird, wirst du ihn nach mir benennen? Nach Deinem Beschützer?
Billy ist ein so schöner Vorname.

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