Louisas Zeitenwende

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Louisas Zeitenwende

Louisas Zeitenwende

Conny Lingus

Da war sie eisern. Ach ja, schöne Hände hatte sie und Füße. Aber ihre feinen Gesichtszüge, die geschwungenen Lippen und die gleichmäßigen Zähne kamen so ungeschminkt, wie sie meistens war, kaum zur Geltung. Sie war auf dem besten Wege, eine graue Maus zu werden.

Und nun, am Morgen ihres 50. Geburtstages, stand sie einsam und alleine vor dem unbestechlichen Spiegel in ihrem nur halb genutzten Schlafzimmer und fragte sich: "Alleinstehend, Dreizimmer-Küche-Bad - sollte das alles gewesen sein?" Louisa straffte ihren Rücken und setzte einen fordernden Blick auf. Bei guter Führung hätte sie wahrscheinlich noch 30 oder 40 Jahre vor sich. Jahre, die sie mit Leben ausfüllen wollte statt mit Lethargie. Es war an der Zeit, etwas zu ändern. Und zwar gewaltig. Eher ein Tsunami als eine brave Welle am Wattenmeer.

"Ich will etwas erleben, will nicht mehr als Solotänzerin durchs Leben gehen, will wieder begehrt werden", schwor die sich. "Allerdings werde ich keinesfalls den Fehler begehen, mich auf jung zu trimmen. Aber ich werde an meiner Attraktivität arbeiten - immer alles mit Würde."

Vor Kurzem hatte sie ein Portrait von einem skandinavischen Model gelesen, die mit Fünfzig aufhörte, sich die langen blonden Haare zu färben, und mit ihrer silbergrauen Mähne zur Werbeikone wurde, gebucht von renommierten Agenturen und Fotografen. Ihre Präsenz in den sozialen Medien war unübersehbar, Facebook, Instagram, Blogs, Fernsehen, Modemagazine. "Mit Fünfzig fängt das Leben erst an!" Louisa nahm sich vor, ihre persönliche Zeitenwende einzuläuten. Und zwar sofort!

Mit den Haaren würde sie es genauso machen. Sie würde sie nicht mehr färben und sie wachsen lassen, bis sie bis zur Taille reichten. Wenn sie regelmäßig nur die Spitzen schneiden ließe, hätte ihre silbergraue Mähne in zwei bis drei Jahren die perfekte Länge. Mit Extensions könnte sie das sicherlich beschleunigen, doch die würden ihren gesunden, seidigen Haaren vermutlich nur schaden.

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