Während sie hilflos ihren Gefühlswallungen ausgesetzt war, hatte sie auf einmal das Gefühl, als würde sie hypnotisiert, als reagiere sie nur noch wie eine Marionette. Der Marionettenspieler musste ganz in der Nähe sein, das fühlte sie instinktiv. Dann waren die Wellen so rasch vorbei, wie sie gekommen waren. Sie atmete auf und schaute sich um, erst verstohlen, dann ganz offen. Wem unter den Anwesenden würde sie eine solche seltsame Fernwirkung zutrauen? Das Café war um diese Zeit nur mäßig besetzt. Sie sah niemanden, der infrage gekommen wäre. Ein Pärchen knutschte in einer Ecke, zwei Frauen unterhielten sich lebhaft, ein alter Mann hatte den Kopf auf seine Unterarme gelegt und schien zu schlafen, ein mickeriger Typ bearbeitete sein Handy. Sie ärgerte sich, weil sie den Urheber ihrer Gefühle nicht erkannte, aber immer deutlicher spürte, dass ein Mensch da war, der sie manipulierte, aber wer, aber wie und warum?
Sie fühlte sich schon fast wieder normal. Ihr Atem ging wieder regelmäßig, das Herz raste nicht mehr Sie bestellte noch ein Glas Wein und versuchte sich weiter zu entspannen und in Ruhe zu überlegte, was sie jetzt machen sollte. Gehen oder bleiben? Wohin gehen? Außerdem war diese Welle, dieses intensive Glücksgefühl ja alles andere als unangenehm gewesen. Es war die pure Lust, die Vorstufe zu einem intensiven Orgasmus oder war es schon ein Orgasmus? Eine neue, bisher unbekannte Variante? Es gab keinen Grund, zu fliehen, im Gegenteil, jetzt, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, wurde sie neugierig und wollte wissen, was mit ihr los war. Vielleicht war es doch nur eine Art Kollaps ihres Hormonhaushalts gewesen. Oder, welch furchtbare Vorstellung, der Beginn der Wechseljahre. Aber dazu war sie doch noch viel zu jung mit Anfang 40. Sie hatte auch noch nie gehört, dass diese Umstellung mit soviel Lust verbunden war.
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