Endlich steigen sie die Treppe hoch, gehen einen schier endlosen Flur entlang, schließen eine Zimmertür auf und treten ein. Das Zimmer ist karg eingerichtet, ein Bett, zwei Stühle, ein kleiner Tisch, ein paar Kleiderhaken an der Wand, sonst nur noch ein Fenster mit verblichenen Vorhängen. Sie sind zugezogen. Kaum sind sie im Zimmer, setzt sich die Frau auf das Bett und zieht ihre Schuhe aus, dann erst den Mantel, den sie achtlos auf den Fußboden wirft. Plötzlich fällt ihr ein, dass sie noch nicht einmal den Namen des Mannes kennt und er den ihren auch nicht. Soll sie das nachholen, ihren Namen nennen? Will sie seinen überhaupt wissen? Nein, das ist jetzt nicht wichtig. Außerdem sind Namen Schall und Rauch, man hat sie schnell wieder vergessen. Es gibt im Moment drängendere Probleme oder sind die doch nicht mehr so drängend? Sie ist leicht verunsichert, was hat sie nur dazu getrieben, ausgerechnet mit diesem Mann hierher zu kommen? Sie kann ihn jetzt sogar etwas genauer anschauen, denn bisher hatte eine Art Schleier ihren Blick getrübt. Er ist wirklich kein attraktiver Typ, stellt sie fest. Ziemlich klein, rundliche Statur, ein Allerweltsgesicht. Er macht einen fahrigen, nervösen Eindruck, als wüsste er nicht so recht, was auf ihn zukommt. Ein Gedanke geht ihr durch den Kopf. Könnte es das erste Mal sein, dass er sich auf ein solches Abenteuer eingelassen hat? Ist er vielleicht eine männliche Jungfrau? Während sie ihr Kleid aufknöpft, denkt sie, dass sie sich den Mann eigentlich gar nicht selbst ausgesucht hatte, dass sie fast automatisch von ihm angezogen worden war. Er steht immer noch untätig neben der Tür, er hat noch nicht einmal seine Jacke ausgezogen. Braucht er Hilfe, eine Anweisung, wie man sich auszieht und was man in einer solchen Situation macht? Dabei musste er doch bestimmt schon an die fünfzig sein, dem Aussehen nach, wenn nicht mehr.
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