Man soll das Pferd streicheln, bevor man es reitet

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Man soll das Pferd streicheln, bevor man es reitet

Man soll das Pferd streicheln, bevor man es reitet

Anita Isiris

Lieber Uli

Vor wenigen Stunden bin ich in Perth angekommen. Ich musste erst ein wenig suchen, bis ich das Haus der Gastfamilie McKenzie gefunden habe. Ich hatte es mir kleiner vorgestellt – aber es ist riesig, verfügt über 17 Zimmer und liegt direkt am indischen Ozean. Ich wohne mit Clara, die Du ja ebenfalls kennst, im Basement. Das Zimmer ist hübsch und luftig eingerichtet – alles in meinen Lieblingstönen: Orangefarben und Gelb. Ich sitze am kleinen Schreibtisch, und direkt vor mir öffnet sich der Ozean. Sonnenuntergang demnächst. Ich bin nun sehr aufgeregt, wie sich morgen der erste Schultag abspielt. Ach ja, wir sind hier nicht allein. Im Basement gibt es noch ein weiteres Gästezimmer. Bewohnt wird es von Boumédien, einem Togolesen, und Stefano, der in Nigeria aufgewachsen ist, eine italienische Mutter hat und deshalb so heisst. Beide Jungs sind sehr nett und zuvorkommend. Alles Paletti also. Mach’s gut, mein Lieber, ich küsse und umarme Dich aus der Ferne.

Deine Alfreda

Lieber Uli

Lange habe ich mir überlegt, ob ich Dir schreiben soll. Ich teile das Zimmer mit Deiner Freundin Alfreda, wie Du bestimmt schon von ihr erfahren hast. Wir haben es sehr schön hier, aber ich möchte gleich zur Sache kommen. Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf, seit wir uns beim Abschieds-Abendessen im Garten von Alfredas Familie gesehen haben. Ich weiss, dass Ihr noch nicht so lange zusammen seid, ich weiss auch, dass ich diese Mail nicht schreiben dürfte. Aber ich spüre eine innere Verbindung zu Dir, wie ich das mit einem Mann noch nie erlebt habe. Uli, wir gehören zusammen. Ich kann es nicht beschreiben. Aber ich fühle, wie sehr ich Dich anfange zu lieben.

Herzlichst

Clara

Mein Lieber

Der heutige Tag ist spitze gelaufen. Ich sitze neben Boumédien; er ist sehr humorvoll und bringt mich ständig zum Lachen. Ich lerne hier wohl nicht nur australisches Englisch, sondern auch noch togolesisch, wenn es so weiter geht. Clara und ich kommen ebenfalls gut klar miteinander. Heute Abend setzen wir uns mit einem Zitroneeis an den Strand – es gibt hier zwar kaum Eisdielen, aber dafür so genannte „fliegende Eisverkäufer“. Also nicht nur „flying doctors“, wie man das von Australien kennt, sondern alle Berufe scheinen irgendwie zu fliegen. Das Leben auch. Juhuuu…

Küsschen

Alfreda

Lieber Uli

Ich muss Dir nun doch etwas erzählen. Wir haben es sehr schön zusammen hier, das schon… aber zwischen Deiner Alfreda und unserem Mitbewohner Boumédien läuft was, vermute ich. Das Zimmer der Jungs liegt bei uns gleich nebenan – auch ich mag Boumédien und Stefano, dessen Kollegen, gut. Aber Alfreda hat im Moment nur Augen für diesen Boumédien. Ich muss Dir das einfach schreiben.

Heute Morgen war nun bei den Jungs die Dusche defekt. Der Trakt wird saniert. So blieb Boumédien und seinem Kollegen, Stefano, nichts anderes übrig, als sich bei uns Frauen frisch zu machen. Das ist so weit kein Problem – wir können uns gut absprechen. Aber Alfreda scheint es egal zu sein, wenn Boumédien sie sieht, mit einem Badetuch um die Hüften, oben ohne. Wenn sie ihn bloss nicht zu stark herausfordert mit ihrem unbefangenen Verhalten. Ich schaue auf sie. Versprochen! Hat sie denn kein Schamgefühl?

Deine Clara

Hallo mein Schatz!

Das Zitroneeis am indischen Ozean hat super geschmeckt. Mein Englisch wird von Tag zu Tag besser. So cool das alles hier, „am anderen Ende der Welt“. Heute bin ich auf einer Parkbank gesessen und habe so meine Mittagspause verbracht. Da kam ein urzeitliches Tier auf mich zu, züngelnd, gleichzeitig war ich wie hypnotisiert, weil ich so etwas noch nie gesehen habe. „Watch out“!“. Zum Glück ist Boumédien neben mir aufgetaucht, wie aus dem Nichts, und hat mich zur Seite gezogen. Er hat mir erklärt, dass diese Warane auch Menschen angreifen. Ist noch mal gut gegangen. Ich weiss ja, und Du hast es mir auch gesagt, dass es in Australien von giftigen oder auch aggressiven Tieren nur so wimmelt. Übrigens trage ich im Moment die knappen, schwarz-weiss karierten Shorts, die Du mir geschenkt hast – und das lindgrüne, bauchfreie Top. „You are a real eyecatcher“, hat Boumédien zu mir gesagt. Ein Blickfang soll ich sein. Süss, nicht?

Deine Alfreda

Lieber Uli

Heute habe ich gesehen, wie Boumédien Alfreda beim Duschen heimlich gefilmt hat. Zuerst hat mich das in Schnappatmung versetzt, ich wusste nicht, wie reagieren. Jetzt habe ich beschlossen, das erst mal für mich zu behalten. Männer sind wohl einfach so. Ich möchte aber nicht wissen, was er mit dem Filmclip macht – und Du wohl besser auch nicht. Ach, Uli! Wir sind so glücklich hier, ich kann sicher auch für Deine Alfreda sprechen. Aber das Herz wird mir schwer, wenn ich mir Dich vorstelle, in Deiner Studentenbude in Köln, allein, mit all Deinen Büchern. Wenn ich ehrlich sein darf, gäbe ich viel darum, Dich mal in die Arme schliessen zu dürfen.

Deine Clara (ich darf doch „Deine“ schreiben, oder…?)

Hallo Süsser!

Es vergeht kein Abend, an dem wir nicht ausgehen, irgendwo in Perth. Clara ist eine liebe und aufmerksame Freundin, aber ich glaube, sie hat mit Männern kaum Erfahrung. Gut, kenne ich Dich (hihi). Wie es Dir wohl geht an der Uni? Wann sind denn schon wieder die Semesterprüfungen? Ich habe hier zum Glück nichts dergleichen – ich lerne einfach Leute kennen, wobei die vielen Gespräche mit ihnen wesentlich mehr bringen als die ganze Englischpaukerei in der Schule. Schade, kannst Du mich nicht sehen. Mein Haar ist wegen der Sonne heller geworden, und, ja, ich habe eine dunklere Gesichtsfarbe, und Tanlines, die Du so liebst. Tanlines. Ich bade also nicht nackt, keine Sorge😊. Clara auch nicht – sie wäre bestimmt überfordert, ihren Body herzuzeigen. Obwohl ihre Brüste nicht von schlechten Eltern sind – aber das braucht Dich nicht zu interessieren. Wir reden hier halt sehr offen miteinander, auch mit den Männern, und sie sagen einem sehr direkt, was ihnen gefällt (Haarspangen, Lipgloss, Tank Tops).

Cheers

Alfreda

Lieber Uli

Männer sind wohl alle gleich. Heute hat Boumédien, in einem Moment, in dem er sich von uns Weibern unbeobachtet gefühlt hat, in der grossen Pause das Video der duschenden Alfreda herumgezeigt. Nach der Pause war alles anders. Die ahnungslose Alfreda wurde von den Jungs beäugt, und ich meine zu ahnen, was sich in ihren Köpfen abgespielt hat. Bestimmt haben sie sich Deine Freundin nackt vorgestellt. Vielleicht macht Dir das nichts aus. Aber dieser Boumédien wird mir zunehmend unsympathisch.

Ich liebe Dich.

Deine Clara

Mein Lieber

Heute Abend gehen wir shoppen. Viel anderes bleibt uns nicht. Die Hitze hier ist absolutely deadly. Es bleiben also nur die Malls übrig – die grosszügigen Food Courts, und natürlich unzählige Kleiderläden. Zum Glück habe ich genügend Geld angespart. Clara kommt mit, und auch welche aus meiner Englischklasse.

Deine Alfreda

Lieber Uli

Für mich wird die Situation langsam unerträglich. Man soll das Pferd streicheln, bevor man es reitet. Kennst Du den Spruch? Deine Alfreda kennt ihn anscheinend nicht. Die Männer sind nun geil auf sie und machen keinen Hehl daraus. In der Shopping Mall haben sich Boumédien, Stefano und Alfreda verabschiedet – in ein Intimissimi-Geschäft. Die Kette gibt es auch hier in Perth. Sie haben für Alfreda Unterwäsche ausgesucht, ich konnte sie durchs Schaufenster hindurch beobachten. Deine Freundin und zwei Liebesexperten. Wohin das bloss führt? Eine halbe Stunde später kam Alfreda kichernd und hochrot aus dem Laden und hat mir ihre Einkäufe gezeigt. Blaue und rosa Strings, ein Hauch von Nichts, und einen BH, der alles verdeckt – ausser den Nippeln. Bestimmt kostspielige Ware. „Geschenkt“, hat Alfreda mir leichthin zugeworfen. Boumédien und Stefano haben Alfreda Unterwäsche geschenkt! Man soll das Pferd streicheln, bevor man es reitet. Eben.

Ach…

Deine Clara

Lieber Uli

Die Shopping Touren hier machen sehr Spass. Du weisst ja, dass ich mittlerweile fast nur noch online bestelle. Aber hier gehe ich richtig gerne in die Läden rein, die Leute sind so aufmerksam und grosszügig. Vielleicht sende ich Dir mal ein paar Fotos von meinen neuen Outfits.

Regnet es in Köln?

Deine Alfreda

Lieber Uli

Seitdem ich Dir das letzte Mal geschrieben habe, sind zwei Wochen vergangen. Zwei Wochen, in denen Alfreda mir, als ihre Freundin, langsam entglitten ist. Ich lasse sie nicht aus den Augen, das verspreche ich Dir, aber ihre Bindung zu Boumédien wird sichtbar enger und enger. Sie laden sie am Abend in Bars ein. Boumédien scheint Perth sehr gut zu kennen. Sie bezahlen ihre Drinks, und Du weisst ja, dass Alfreda sehr rasch auf Alkohol anspricht. Gestern Abend habe ich gesehen, wie Stefano und Boumédien sie geküsst und gestreichelt haben. Ich sass am Nebentisch, aber ich bin für die beiden Männer durchsichtig. Ich meine zu spüren, dass Alfreda „es“ allmählich verlangt. Sie verlangt mehr. Mehr. Mehr. Irgendwann, Lieber, wird es zum Äussersten kommen, ich spüre das.

Alfreda ist das Pferd, das sie jetzt jeden Abend streicheln und dann reiten wollen.

Wenigstens ist die Männerdusche repariert, und wir Frauen sind bei der Körperpflege wieder unter uns.

Ich bin erschöpft und lege mich nun hin.

Deine Clara

Mein Süsser

Die heutige Nacht verbringen wir am Strand, in einer kleinen abgelegenen Ecke. Parties ohne Ende. Was im Moment total in Mode ist, sind Contests. „Long Hair Contest“. “Lip Gloss Contest”. “Decent Clothing Contest”. Es dreht sich alles um uns junge Frauen – in der Jury sitzen Männer. Meine Gefühle diesen Contests gegenüber sind gemischt – aber «to play the game» gehört hier einfach mit dazu. Ich kann nicht aussen vor bleiben, schminke mich nun und kleide mich dezent.

Deine Alfreda

Lieber Uli

Ob Dir Alfreda von den Parties in Perth erzählt hat, weiss ich nicht. Aber ich muss Dir etwas anvertrauen, das mich sehr beschäftigt, obwohl ich es habe kommen sehen. Fünf Jungs, darunter auch Stefano und Boumédien, haben uns überredet, mit ihnen an einen abgelegenen Strand zu kommen. Die Bar war bereits eingerichtet; alles hat sehr romantisch gewirkt, von den Früchtespiessen über die Lachsbrötchen bis hin zum Blue Curaçao. Da bin ich nicht abgeneigt. Vorne am Meer stand eine Bühne. Sie war mit «Big Butt Contest» angeschrieben. Mein Hintern ist, wie Du vielleicht in Erinnerung hast, nicht so gross – mich hat der Contest-Titel ohnehin nicht angesprochen. Umso mehr hat die Idee Alfreda zum Kichern gebracht. Sorry, mein Lieber – ein richtig albernes Mädchenkichern. Es brauchte nicht mal Überredungskunst von den Jungs – Alfreda hat sich am Casting ohne Weiteres beteiligt. Hinter einem durchsichtigen Vorhang hat sie sich ausgezogen – nachdem ihr, wie jeden Abend, Drinks spendiert worden waren. Alfreda hat einen grossen Hintern, um den ich sie im Übrigen nicht beneide. Weil sie obenrum BH trug, kam ihr Arsch noch besser zur Geltung. Vor dem weitgehend männlichen Publikum musste sie, wie auf einem Catwalk, auf und ab spazieren. Dann kamen die Rufe. «Bend over»! «Bend over!». Alfreda musste sich bücken und den Männern so ihr Intimstes preisgeben. Ihre nackte Vulva. Das hat sie offensichtlich angemacht – vom johlenden Publikum gar nicht zu reden. Ich habe mich für sie so geschämt! 

Aber Alfreda hat den «Big Butt Contest» gewonnen.

Dann der Höhepunkt… sie hatte anschliessend Sex mit Boumédien und dessen Freunden. Nicht auf der Bühne natürlich, sondern in einem kleinen, überhitzten Zelt zwischen zwei Felsbrocken. Ich habe die Zeltplane zur Seite geschoben und zugeschaut, um Dir Bericht erstatten zu können. Boumédiens Schwanz war enorm, eine richtige Wurzel, um das etwas unschön auszudrücken. Ja, lieber Uli, sie haben Deine Freundin gevögelt, wieder und wieder. Erst Boumédien. Dann Stefano. Dann Boumédien und Stefano gleichzeitig, einer war in ihrem Anus, der andere in ihrer Vagina. Sie haben sie zwischendurch weich geküsst und ihr zu Trinken gegeben, wieder und wieder. Weitere Männer kamen hinzu.

Es zerreisst mir das Herz, wenn ich Dir das schreibe. Ich weiss doch, dass Du Alfreda liebst.

Aber ich liebe Dich ebenfalls zutiefst, lieber Uli – und Du sollst aus erster Hand erfahren, was für eine verfickte, luderhafte, absolut untreue Nutte Deine Alfreda ist. Sollen sie sie doch in die Hölle bumsen! Das Pferd nicht nur streicheln und dann reiten, sondern damit davongaloppieren. Für immer.

Aber wir beide gehören zusammen. Nur wir beide!

Für immer.

Deine Clara

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